eine Entwicklungshilfe-Windkraftanlage, konstruiert in einer sächsischen Dorfgemeinde

Ein gemischtes ABC persönlicher Landeseindrücke

Ein persönlicher Bericht der Reise mit Jochen Hahn und Wolde Giorgis Demissie im Oktober 2010 von Angelika Hahn

Flöhe

Nun posiert Jochen schon wieder damit, dass er im Febr. "runter" will - ich würde wohl sofort wieder mitreisen - man muss allerdings so manches wegstecken können und das wiederum kann man mit Flöhen nicht- die kommen und bleiben...

Mercato

– ist wohl der größte afrikanische Basar – Ich habe ihn nicht erlebt, aber wir hatten nicht schlecht Lust, Woldes Nichten, erwachsene junge Frauen, die uns auf unserer Reise begleiteten - bis eben auf diesen einen, unseren ersten ganzen Tag in Addis- hin zu schicken, um zu erfahren, wer denn nun unsere 2 Jahre alte Digicam weiterverkauft… Uns ist bis heute schleierhaft, wann sie Jochen entwendet worden ist – so schnell, so sauber, so unauffällig funktioniert zumindest dieses Handwerk.

Handwerk

– ist ansonsten überhaupt nicht ausgeprägt oder vorhanden, was uns sehr verstört. Es gibt schöne Touristen - Handarbeitskunst von Stickereien an Frauenkleidern über Flechtkörbe (beides von Frauen ab und an in den Dörfern noch erlebbar) – aber eine Tischler-werkstatt ist ein kleiner dunkler Raum von ca. 6m“, in dem der Tischler mit einfacher Handsäge an kleinen Brettchen rumsäbelt…

Die Gesellschaft achtet keine Handwerker – der Erhalt dessen, was der Vorfahr mir hinterlassen hat, ist das Wesentliche und der Stolz dessen sind immer noch die Herden und ganz besonders die Rinder.

Tempo

– so verläuft das Tempo des Lebens sich weiterhin nach der Gangart der Herden, die man allenthalben sieht in allen Größen. Der Alltag richtet sich nicht einmal nach PS (Pferdestärken, denn das wäre schon rasant!), sondern nach dem Maß der starrsinnigen Schafe und Ziegen. Schneller als diese, kann der Hirte nicht, vielmehr folgt der Mensch ihnen. (Die Pferde, die wir sahen waren immer prächtig geschmückt mit roten Wollhalftern und vielen gestickten Satteln und ihre Reiter gaben ein beeindruckendes Bild von Würde und Stolz ab. So erschienen mir diese Tiere auch weit besser gepflegt als manch indischer „Gaul“, der silber-golden herausgeputzt zu den Hochzeitsumzügen durch die Städte gepeitscht wurde.) Wir dagegen habe ja nicht mal mehr mehrere PS, die uns antreiben, sondern gigabytes...

Ein Lamm, das wir Gäste im Windraddorf Debo geschenkt bekamen, landete noch ehe ich Jochen mit dem Tier fotografieren konnte und wir uns dabei die Frage stellten, was wir tags darauf mit dem Tier machen sollen, wenn die Reise weitergeht, in der Hand unseres allseits – wie wir an vielen stellen lernten- begabten Chauffeurs, der es kurzerhand meuchelte und die Nichten Woldes, Like und Salamnoid, bereiteten in Kürze im Freien daraus ein Mahl für 20 Leute, die dann alle da waren und im Hof nebst anderen wohnen. Irgendwann sah ich die Schlachter mit dem Fell davon ziehen, wenig kürzer tauchten sie mit einer Plaste-Liter-Flasche klaren Getränks auf. Fell gegen selbst gebrannten Schnaps, so hieß das Geschäft des Tages. Dass zum Abend dann allerdings nur noch ein halber Liter in der Flasche war, die die Runde nach dem Essen machte, war das andere Geschäft des Tages, das wer-weiß-wer gemacht hat.

An diesem Abend hatten auch unsere Techniker vom Dorf, die eine Ausbildung als Elektriker durch das Projekt bekommen hatten, ein wahrlich gutes Essen. Einen anderen Morgen schmierte ich ihnen Fladen des äußerst leckeren Dabos (Weißbrot) mit Erdbeer- Marmelade. Beides war ihnen nicht bekannt – Erdbeeren, so wie Marmelade und Margarine dazwischen erstrecht nicht. Sie aßen begierig und formulierten irgendwann: „Jetzt wissen wir warum ihr so schlau seid. Das liegt an eurem guten Essen.“ Ja, so unrecht haben sie nicht, andererseits ist das äthiopische Essen durchaus lecker und gesund. Der Tag beginnt und endet mit Kaffee und dazugehöriger Zeremonie (kein Wunder beim Herkunftsland des Kaffees) und warmem Essen mit oft sehr einfachen Breien oder gerösteten Bohnen, Erbsen, Getreide. Auch zwischendurch wird Naturkost – so wie sie oft vom Feld kommt bzw. viel getrocknetes Korn- verzehrt. Die Fladen aus Teff, einem ganz winzigen Getreidekorn, das es auch nur in Äthiopien gibt, sieht grau und blasig aus und fühlt sich gummiartig an, schmeckt dann ungeheuer aromatisch, leicht säuerlich. Darauf kippt man dann alle anderen Zutaten beim warmen Mahl: Fleisch, Eier, scharfe Saucen, Gemüse, wenn es das gibt. Mit der rechten Hand dann darf gerissen, getunkt, gegessen werden. (ich hab mir allerdings das ganze mal überessen bzw. war viell. das Wasser nicht ok, welches – kein Wunder- nach dem „Abwasch“ noch auf dem Teller zurückgeblieben war.

Wenn ich hier schreibe dass ein Frühstück um die 1 Euro kostet und das Mittag um die 2, dann klingt das wie aus unglaublichen Welten herbeigezaubert, aber es ist so – und man gewöhnt sich schnell daran. So haben wir auch manchmal für nur 60 cent pro Person genächtigt, in Hotels, aber ich bin mir sicher, dass die Schallmauer für diese Etablissements bei vielen keine Freude hervorrufen. Als ich in einem Jochens Handgepäck auf dem Tisch abstellte, klappte selbiger runter und mir fast auf die Zehen! Es gibt dann keinen Schrank, Regal oder auch nur einen Haken – Wasser sowieso nicht und über das Stehklo rede ich jetzt nicht. Kein Wunder, dass Jochen und unser Fahrer sich nach Mitternacht im Hof trafen – der eine jammerte über Kunitscha (amarhisch= Flöhe) und der andere über noch Größeres: Wanzen. Dass dennoch auch in Äthiopien trotz ungewohnter Preise das Geld verfliegt, ahnen Reiseerfahrene (allein die neue Digicam kostete wegen hoher Einfuhrzölle dort mehr als hier) und der Name der Währung drückt das amüsant aus: Birr – so wie die Vögel klingen, wenn sie wegfliegen – so verfliegt eben auch das Geld selbst im billigsten Land (erst recht für die Einheimischen – Monatsverdienst einer Krankenschwester 35 Euro).

Der Schnaps schmeckte soweit recht gut – ist sehr würzig, rauchig – kein Wunder wenn alles selbst gebrannt wird, was ja auch ein Risiko darstellen kann. So erging es Jochen bei einer vorigen Fahrt, dass er lieber das trübe Gesöff „unter den Tisch“ goss, als am nächsten Tag weniger klar zu sehen… Aber wo kein Tisch zu essen benutzt wird (nur ganz kleine mal), da bleibt dann nur der saugfähige Lehmboden in den Häusern übrig.

In Addis, am Tag, da die Kamera verloren ging, besahen wir uns eine neu gebaute Moschee von außen und weil es regnete, hielt ein alter Mann, der da saß, handelte oder bettelte, seinen Schirm über uns und wurde selber nass. Gastfreundschaft ist ein hohes Gut. Auf der selben Straße bewunderte ich Thymian-Händler – kaum dass die jungen Männer mein Interesse merkten, wollten sie mir nichts verkaufen sondern einen Zweig geben – ich nahm dann nur ein kleines Stück davon, hocherfreut. Es dauerte auch einige Zeit ehe ich mir erklären konnte was ich eben noch für eine besondere Mützentracht der Äthiopiern hielt – Das was da seltsam um ihre Köpfe gewunden war, zeigte sich letztlich als der moslemische Gebetsteppich, der klein und dünn gewebt, auch gegen den Platzregen nutzte, ehe der Beter die Moschee erreichte. Wirklich beeindruckend und auf den langen Straßen des Landes viel zu sehen, sind die traditionellen Kleider der Frauen, die weitgehend noch getragen werden, neben europäischen „secondhand“ Sachen. Kolonnen von Menschen laufen, oft barfuß oder in wirklich komplett zerlumperten Plasteschuhe, den ganzen Tag an der Rändern der Straßen – immer scheint irgendwo ein Markt oder eine Schule zu sein, die ange-laufen werden. Allerlei Gepäck tragen die Wandernden bei sich, und meist sind es Frauen. Ihre einst weißen Kleider aus feinster Baumwolle, sind dann grau und in vielen Schichten warm haltend. Schon von weitem erkennt man sie, denn sie sehen wie wandelnde Kreuze aus, da ihre Kleider von oben bis unten mittig eine Stickpasse haben, die in der Mitte durch das farbige Tuch, dass um die Hüfte gewickelt wird und in dem Kleinkinder getragen werden können oder das Geld versteckt wird, unterbrochen bzw. geteilt wird. Manch eine hatte dazu eine Art Ledergürtel um, an dem hinten an langen Fransen, Muscheln baumelten (das uralte Zahlungsmittel…).

Teils konnten wir auch regionale Unterscheide bei den Trachten beobachten – wie sich die Kettenformen änderten: waren es eben noch breite einfache Kreuze von gut 10-15 cm, die Kinder, Frauen und teils Männer trugen, waren es dann die verschlungeneren Kreuzformen, die vielfältige Bedeutungen und orte zum Hintergrund haben. Daneben tat es aber der eigenen Sicherheit nicht abhold, auch noch ein kleines 2 cm Großes Etwas in Leder oder Stoff zu tragen… Was drin sei, frugen wir Mädchen die am Straßenrand geröstete Maiskolben verkauften: Amulette sind es halt, gegen das Böse, wohl mit Kräutern gefüllt von den Müttern. Die Mädchen (und dann natürlich auch erwachsene Frauen) der Dörfer waren nicht selten um das Kinn herum tätowiert, als Kleinkinder geschehen, um schön zu sein. Auch Männer trugen Tätowierungen, dann oft am Arm und mit Schriftzeichen.

Wenn wir irgendwo hielten oder wegen laufender Jeep-Pannen halten mussten, kamen im Nu Menschen gelaufen – selbst in eben noch leerer Landschaft. Nicht selten starrten diese unverfroren in unser Auto (da waren wir dann froh nur einen 3Türer zu haben, sodass nicht einfach die Türen aufgerissen werden konnten-) oder uns selbst an! Und dann kam die Frage nach dem „Heiland“. Jochen erzählte von einer seiner ersten Fahrten, dass er da noch an sehr viel frömmere Menschen dachte als er sie daheim kennt… bis ihm aufging, die Kinder wollten „Highlander“- Flaschen, die 1-Liter-Plastflaschen, in denen wir das gekaufte Wasser mitführten. Die Flaschen sind begehrt für alles Mögliche und auf dem Markt kann man durchaus auch gebrauchte Plastikflaschen kaufen, wie ich es in Bhir Dar am Tanna-See sah. In Addis besuchten wir sogar das Nationalmuseum – nun ja: unsere Zeit reichte allemal für die 3 Stockwerke auf ca. je 130m“. Und auch der Eintritt der nur für Ausländer erhoben wird, war noch moderat – es gab durchaus interessantes zu sehen: eine Kopie von Lucis Skelett, der (fast) ältesten Frau der Menschheit, 1 Thron, paar Kronen (schief und krumm und verstaubt, wie letztlich alles), Handwerkskunst, wie der Touristenmarkt es immer noch hergibt, und wenige Gemälde, die vor allem sichtbar, Kopfschütteln erzeugend, dem sozialistischen Genre sofort zuzuordnen waren: Hammer, Sichel, rote Banner, kraftvolle Menschen –
Am liebsten wäre ich 1-2 Wochen dort geblieben, hätte alle Vitrinen und Inhalt geputzt, neu drapiert und mit meinem wenigen Wissen beschriftet – dann wäre VIEL passiert!

Ein tröstliches Mittagessen in der Nähe, mitten unter Äthiopiern, stimmte uns wieder milde.
Wie sehr freute sich die Bedienung, die uns und wir sie nicht verstanden, als Jochen die 2 Zauberworte: Injeera und Barbaree sprach – Brot und das äußerst scharfe Gewürz dazu. Das alles ergibt dann ein nationales Essen.

Eine Beobachtung am frühen Morgen zeigte uns Jungen vor allem, die mit Steinschleudern am Straßenrand standen – aber wir sahen dann während unsere Fahrt über den ganzen Tag diese „Beschäftigten des öffentlichen Dienstes“ – sie verjagten von der Straße oder einem Hochsitz aus die Vögel, die sich an der reifenden Hirse zu schaffen machten. Als Wolde uns dies erklärte, war ich wieder mal erst skeptisch – den ganzen Tag Vögel verjagen?! Zu oft erzählte uns jemand etwas, von dem nie klar war, was ich in Indien auch schon erlebt hatte, ob er dies sagte, weil wir es so erwarten, oder weil er keine andere Erklärung selber weiß, oder nur um etwas zu sagen, zu erfinden, von sich zu geben. So oft dachte ich dann: ein richtiges Volk von Märchenerzählern – vielleicht auch dies für uns als eine Erinnerung aus den alten Zeiten von Bibel oder Grimm. Als ich jetzt (vor Bußtag) herrliche Tage bei Hanna hatte und wir ein schicke teures, ja eben Tübinger, Kleid mit unterschiedlichen Knöpfen betrachteten, fiel mir ein: Was hier Luxus ist und neuester Deko-Hit, war auch in Debo angesagt, nur nicht in Perlmutt und anderem teurem Material. Die sehr einfachen, eintönig grünen Schuluniformen, die auch später noch bis zum zerfallen getragen werden, hatten manche junge Frauen mit Reihen von einfachsten Plastikknöpfen verziert.

Es erinnerte mich ziemlich an das legendäre Tauschen von Gold gegen Glasperlen am Anfang der Kolonisation…Lustige Erlebnisse hatte ich auch anderweitig mit Kleidung- nämlich eine tiefe Genugtuung unserer Quartiergeber und aller, die es auf dem samstäglichen Markt mit erlebten, als ich eben vor Ort die traditionellen weißen Umhänge kaufen wollte, die jeder zu jeder Zeit gegen Wärme mittags und für Wärme an den kühlen Abenden trägt. – die Gabi.

Mit viel Spaß und in großer Runde hatte ich sehr schnell beim Aussuchen den Menschen sozusagen ein Ein-Frau-Theaterstück frei Haus geliefert. Dicht standen sie um uns herum und lachten sehr als ihnen Wolde übersetzte dass Gabi bei uns ein Frauenname sei, an der man sich ja auch erwärmen könnte. Ein andermal sah eine Frau auf dem Markt am Tana- See dass ich mir eine Gabi umlegte gegen die beginnende Kühle und sofort kam sie und richtete das Ganze in traditioneller Form und zeigte mir mehrere Arten des Umlegens. Alle umliegenden Händler hatten ihren Spaß und es lachte die ganze Gasse, als ich mir das gefallen ließ!

Wie im morgendlichen Werbe- TV kam ich mir ein andermal vor, als ich in Debo wenigstens !! die Zähne mit etwas Wasser im Hof mir putzte und mindestens 7 völlig stille Menschen staunend die Prozedur verfolgten. So was aber auch - - - Ich selber hatte ähnlich fasziniert mitten im Straßengewirr von Addis eine junge Frau in europäischer Kleidung unverhohlen betrachtet, als diese auf einem Holzstäbchen rum biss und mit Inbrunst jeden Zahn innen, außen, seitlich, rücklinks und was noch alles, bekratzte und eben, wie sonst auch üblich, die Reste auf die Straße spuckte. Jedem war die Zahnkultur des anderen eben ein spectaculum….

Nicht zu unterschätzen ist die Anstrengung, die man u.U. mit dem Fremdsein in der anderen Kultur auch hat. So ist Debo in einer furiosen Landschaft gelegen – an einem Abbruch auf dessen anderer Seite das Plateau des Amberley ein markanter Hingucker ist.

Immer wieder kann man sich vorstellen dort zu wandern, Urlaub zu machen selbst mit so mancher Einschränkung im Sanitären – aber die Heerscharen von Kindern und Jugendlichen, die sich wie ein Klumpen um einen herum bilden so bald man sich außerhalb der Sicherheit eines Hauses-Hofes begibt, sind auch anstrengend bis lästig. Da erinnere ich mich an meinen jungen Freund Amar von 12 Jahren, der mich regelrecht ritterlich begleitete und das Schlimmste abwehren konnte. Freilich wurde er selbst ab und an dann Opfer noch radikaler eingreifender Erwachsener, die schnell mal Steine nach den Kindern schleuderten oder einen Stock sausen ließen, damit sie uns Weiße in Ruhe lassen. Das hielt aber nur für die Dauer des Wurfes an und die Entfernung des Schmeißens. Also wusste ich bald, dass ich eben mit dieser Traube leben muss, wenn ich in Debo mich „frei“ bewegte, weil ich z.B. zu Jochen ging, der ja fast durchgehend am Windrad zu tun hatte, während ich mir eben den Markt besah und sein Auf- und Abschwellen gegen 11.00 Uhr bzw. gen 15.00 Uhr.

In diesen Trauben ist es dann auch nicht immer lustig, wenn man beständig angefasst wird, an den Sachen von hinten leicht gezogen wird und man nie weiß, was da passiert. Da werden die Jesus-Geschichten lebendig, in denen er eben auch in solchen Pulks sich bewegt, weil alle ihn bestaunen, das Fremde spüren und zugleich doch Anteil daran haben wollen. Das geht eben nur mit wahrhaftigem Er-SPÜREN. Und wenn dann einer nicht weit genug nach vorne sich drängeln kann, dann sucht er auch heute noch wie der kleine Zöllner Zachäus einen Ausweg, indem er Faxen macht, auf einen Baum klettert, oder Kunststücke vollführt wie brennende Holzkohle in der Hand zu halten oder ein Stück des Kaktusses am Weg zu essen - schon schaut die Fremde nur ihn an!! So zeigten mir die Kinder aber auch die Wasserpumpen des Dorfes und ich erahnte dass man sparsamer wird, wenn über 1-2 km das schwere Gut geholt werden muss. Irgendwann frugen wir uns allerdings auch, wann die Frauen und überhaupt alle trinken –gerade wenn sie auf den Märkten sind und immer unterwegs. Unser Wort „Höhergestellter“ bekam für mich dort eine deutlichere Einordnung: schon am Flughafen beobachtete ich, und es erinnerte mich an die Hilfsgüterverteilung an der Tsunamie verwüsteten Küste von Tamil Nadu 2004, dass die Menschen in einer Reihe hocken müssen, wenn ihnen etwas von Beamten zugeteilt, verteilt wird. Der, der dann steht hat seinen Respekt sich erzwungen, indem er die Geringeren vor sich hocken sieht, in niederer Position – er ist der Höhergestellte!

Irgendwann begriff ich auch den Sinn (leider) solcher „Aufstellung“, denn wie ich selber erlebte, geht keinerlei Verteilung auch nur der wenigstens Bonbons, Stifte o.ä. nur halbwegs „gerecht“ vor sich ohne solcherlei Hilfsmaßnahmen – jeder versucht einfach jeden zu übertrumpfen und mehr zu erhalten als der andere.

Deshalb war es vielleicht auch nachhaltiger für die Kinder auf dem Hof des Getreidehändlers, wo wir einen Raum hatten, als ich mit ihnen zum Abschluss sang und tanzte – das Kinderlied aus Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“ – das war ein Spaß!

In Debo hatten wir allerdings auch 2 Begegnungen mit Behinderten, die wenig erbaulich waren – beide male wurden diese Menschen von eher Jugendlichen gehänselt, angerempelt, vorgeführt, was aber sicher auch in unserer Kultur vorkommt.
Andererseits sieht man dann auch wieder auf der Landstraße Menschen, die auf einer Bahre einen Kranken km-weit zu einem Krankenhaus oder wenigstens Arzt tragen.

Erstmals erlebten wir in Debo, dass wir etwas geschenkt bekam – anfangs berichtete ich ja schon von dem Lamm, aber als ich etwas weniges an Seife, Kuli, Bonbons einer Frau brachte, die uns mit Tee und Dabo (Brot) versorgt hatte aus ihrem Lädchen, freute es sie so sehr, dass sie mir die typische und in Gebrauch befindliche, selbst geflochtene und umstickte Brotschale schenkte, die um das darauf gehörige, gehäckelte Deckchen ergänzt wurde als ich bei Amars Mama etwas abgab. Viell. war das aber auch etwas, was mir als Frau widerfuhr, von Frauen.–Jochens Männerbrigade war das noch nie passiert….

Mein anderer Blick auf das Leben, an dem Jochen durch seine Arbeiten ja auch weniger Zeit hatte und Aufmerksamkeit, hatte auch mein Amüsement daran, wie der Samstagsgroßputz in Debo aussieht. Aus der kleinen Lehm-Unterkunft der Krankenschwester, die mit im Hof wohnte, von viell. 12-15 m wurde so ziemlich alles ins Freie gestellt und dann wurde mit Ruhe das Geschirr im Hocken abgewaschen mit einem Minimum an Wasser, dafür aber Hingabe an das Tun. Danach wurde bedächtig ausgefegt und nach einem halben Tag im Freien alles wieder einsortiert. Mit ebensolcher Hingabe und ZEIT findet jede Kaffeezeremonie statt, egal ob im Hotel, am Flughafen (dort in verdächtigem Kulturkitsch) oder eben in den Familien selbst. Bei besonderen Feiertagen wird der Boden, auf dem alles sich abspielt noch mit frischem Grün ausgelegt und Blüten dekoriert. Ein Gefäß beinhaltet Weihrauch, der auf Holzkohle duftend die bösen Geister besänftigt, wobei auch hier Bollywood vielleicht dazu führte, dass indische Räucherstäbchen diese Funktion langsam ablösen oder zusätzlich brennen. In einem anderen Tongefäß führt glühende Holzkohle, die man an den Straßenrändern in übervoll gepackten Säcken verkauft wird, dazu, dass das Wasser im Alu-Topf zum Kochen gebracht wird. Zuvor aber – welch ökologische Auslastung, wurden die noch grünen Kaffeebohnen darauf geröstet, was durchaus einen herben Geruch entstehen lässt. Die gerösteten Bohnen müssen dann vom Gast fachkundig begutachtet werden. Dann – ich probierte in Addis diese körperlich schwere Arbeit mit einem dicken Muskelkater danach - werden in einem Holzmöser mittels einer Eisenstange die Bohnen zum feinen Pulver zerstampft. Ob die hier neu in Mode kommenden Handkaffeemühlen dort wohl gelitten wären? In den speziellen schwarzen Tonkaraffen wird dann der Kaffee dreimal aufgebrüht und jeder Gast bekommt dann reihum dreimal hinter einander, ein Tässchen (Schnapsglas groß…) zu trinken – je nach Wunsch mit oder ohne Zucker. Dieser Kaffee ist durchaus ein Genuss! Der Name Kaffee leitet sich wohl von einem Gebiet in Äthiopien, Kaffa, ab.

Armut

- ist sicher ein breites Thema – überall in der Welt. Ich war schon auch erschrocken über die wirklich oft völlig zerschlissenen Kleidungen der Menschen, vor allem wenn sie wohl europäischer Herkunft waren. Die Gabis sahen immer ansehnlich aus, ebenso die Trachten der Frauen. Aber was Männer, Kinder, Frauen ansonsten anhatten war meist ein Flickenteppich aus vielen Ecken Stoff, oftmals nur mit Heftstichen zusammengehalten, was mich als „Deutsche“ wieder auf das Thema Handwerk zurückwarf und wie man etwas erhält, pflegt. Da scheint wenig Kultur wichtig zu sein. Das kann ich durchaus auch als Wert erkennen – sich nicht mit einem ZUVIEL zu belasten.

Gegenüber Indien halte ich fest, dass Äthiopien weit weniger farbig sich darstellt: entweder sind die Menschen in weiße Gabis gehüllt oder grün-grau gekleidet. Während es in indischen Städten überall duftet, oder auch riecht, ist man davon in Äthiopien weitestgehend entlastet (außer natürlich dem ungeheuren Smog in Addis).Was wir als Slums bezeichnen würden, ist eben immer noch das normale Haus einer vielköpfigen Familie am Rand der breiten Straßen z.B. in der Hauptstadt. So kam mir Addis sowieso seltsam vor – immer schaute man in die nahem Berge, was der Stadt oft etwas Dörfliches zukommen lässt. Und gleich neben einer Hauptmagistrale stehen dann eben solche einfachen Lehmhütten mit Aluwellblechdach.

Einen Einblick in die Frömmigkeit zu bekommen ist ja kaum möglich in einer Durchreise durch das Land. So erfuhren wir an einem Abend im deutschen Gemeindehaus einiges über die aufbrechenden – pfingstlerischen- Einflüsse in der Lutherischen Äthiopischen Kirche (Mekane Jesus, die Jochen ja mittels eines Gesprächs mit dem Chef für Entwicklungsfragen ja in sein Boot für das Windrad holen will). Es wird wohl auch fast zu einer Tradition, dass gerade im fernen Äthiopien Jochen auf seinen sächsischen Patensohn Amand trifft, der dort mit seiner Freundin auch anwesend war – beide werten für ihre medizinische Doktorarbeit Krebsdaten aus. In Debo erlebten wir am Rand eines der vielen Feste, zu denen man schon mit Sonnenaufgang zum Kloster geht und dort meist vor dem Haus verweilt, still und eher passiv an den liturgischen, lang anhaltenden Gesänge der Priester Anteil nimmt.

Fremd und erst einmal auch irritierend war für mich, weil ich es nicht deuten konnte, dass an einer stark befahrenen Kreuzung in Addis ich beobachtete wie sich Passanten und Insassen von Bussen bekreuzigten. Erst einen Tag später sah ich die Kirche, die recht neu und hinter Bäumen versteckt, Anlass zu dieser Geste gab. Später, auf den Schotterpisten und Serpentinen mit einem mehr als fahr-gefährlichem Jeep, war uns auch danach es unserem Fahrer und den mitreisenden Nichten Woldes es gleich zu tun – und beim Anblick jeder Kirche das Kreuz zu schlagen. Wenigstens dann und wann haben wir aber dankbar Gottes gedacht, dass wir auf der Fahrt vor einem Unfall bewahrt blieben. Wie weit diese orthodoxe äthiopische Kirche Antwort auf die Fragen der modernen und globalisierten Welt in Zukunft geben können wird, bleibt offen. Noch ist jedenfalls ihr spirituelle Verankerung groß und vielleicht bleibt das sogar gerade ihre einmalige Kraft, das komplizierter werdende Leben mit einfachen Antworten zu begleiten und zu stärken.

In Woldes Familie trafen wir auch auf seine weit ältere Schwester. Alte Menschen sieht man eh weniger – das Land ist jung und hat wohl immer noch einen eher beängstigenden Geburtenzuwachs. Die Schwester trug eine Art Mütze, auf die ein breites Kreuz genäht war. Neugierig frug ich später danach, sah ich es auch dann und wann bei anderen älteren Frauen.

Wolde erklärte, dass dies die Frauen symbolhaft dafür tragen, dass sie nun ein hohes Alter erreicht haben, in dem sie sich auch auf das Sterben vorbereiten und mit dem Kreuz nicht nur eine mönchischen Lebensform angenommen haben, sondern auch zum Ausdruck bringen: Es ist gut, mein Leben ist vollbracht.

Die jungen Leute haben gerade in Addis große Träume und tragen die westliche Kleidung mit Selbstbewusstsein. Die für uns wunderbaren lockigen Haare werden geglättet, wenn sie dann noch blond gefärbt werden, sieht das für mich geradezu krank aus…. Der Traum allerorten, Johanna bestätigt das Gleiche von Indien, ist, sich in die westliche Welt ab zu setzen, am liebsten leibhaftig mittels Visum und Arbeit , und sei es erst einmal gen Dubai. Werbeplakate zeigen nun einmal unsere Welt in allem schillernden Reichtum, und kaum einer würde dort verstehen, dass man allein für Wasser und Müll, Versicherungen jeder Art so manches Monatsgehalt berappen muss. Als wir bei Woldes Fam. die Reise per Digicam und TV noch mal Revue passieren ließen, und dabei Fotos vom letzten Weihnachten bei uns auftauchten, da meinten die jugendlichen Mädchen beim Anblick des Pfarrhauses, dass sie dort auch gerne leben würden und selbst mein Einwand, dass es da recht kalt im Winter und Herbst sei, beantworteten sie nur damit, dass sie dann auch gerne frieren würden. Wer will ihnen das verübeln?! (ich frug mich angesichts des kleinen Hauses eh, wo darin Eltern, 6 Kinder – Jugendliche - und ab und an die alten Verwandten alle schlafen, geschweige denn Hausaufgaben machen oder fürs Studium arbeiten.

Wie schnell oder in welche Richtung sich dieses Land als eines der vielen von Afrika entwickeln wird, ist von uns hier schon gleich gar nicht zu klären. Ich las von einem Wissenderen als uns, dass es durchaus möglich ist, dass Afrika genug Lebensmittel produzieren und exportieren könnte, wenn denn die Handelswege – also Straßensysteme - ausgebaut seien. Äthiopien sahen wir diesmal wirklich grün und die Felder bestellt bis in die letzte Ecke – selbst weit ins Hochgebirge hinein mittels Terrassierungen, sofern der Ochse und der Eisen-Holzpflug bis dahin kamen (und sie kommen wohl besser hin als manch Traktor – von denen es erste im Land geben soll – wir sahen allerdings nur Ochsenpflüge).

Andererseits sahen wir ja die Bedächtigkeit des Alltaglebens und das Anhalten uralter Strukturen und Gegebenheiten. Das Land lebt mit und von den Herden und diese kreuzen immer wieder die Wege. Dieses gebirgige Land wird so schnell nicht über Schnellstraßen verfügen – Serpentinen werden immer das Fahren verlangsamen. Die Straßen, die in den letzten Jahren durch die Chinesen gebaut wurden, sind zwar etwas schneller und eben glatter, führen aber durch die Orte (mit ihren Herden, laufenden Menschen) und haben leider schon wieder große Verwerfungen, Schäden, weil einfach im wahrsten Sinne des Wortes zu oberflächlich gebaut wurde. Wenn es aber eine Baustelle gibt, oder besser ein Loch in der Straße, werden kurzerhand große Steinbrocken als Warnung hingelegt – nachts können diese aber tödlich sein, wie auch so manch halb auf die Fahrbahn abgekippter Stein- oder Sandhaufen für weitere Arbeiten. Am Tana- See stießen wir verwundert auf ein Straßen-viertel, das mit bogenförmiger Pflasterung und sauberem Bürgersteig auffiel - es war ein Projekt der deutschen Entwicklungshilfe!

Im braunen Wasser des Tana-Sees entdeckten wir sogar, nur ganz kurzzeitig, die Köpfe von 2 Nilpferden – seltsam, dass man Nilpferd so allgemein daher sagt, und erst dort, an der Ein-mündung des Nils, so ein Tier natürlich seinen Namen bekommt.

Bedeutung erfuhr auch das Wort „Bodenschatz“: Es ist halt das, was man als Schatz auf dem Boden findet. Ich fragte mich öfters, halb unbewusst, woher denn Menschen auf die Idee kamen in die Tiefe zu gehen, um Silber, Erze zu finden. Klar – sie fanden es erst einmal auf der Erde, ehe sie weiter in der Tiefe danach suchten.
Als wir auf der Spur einer deutsch-schweizerischen Missionsstation waren und durch unwegsamstes Gelände fuhren, befürchtend, das auch die nächsten Reifen gleich an den spitzen Steinen platzen werden, machten wir unsere Entdeckung. Wir wussten von einer riesig schweren Kanone, die diese Missionare dem äthiopischen König gießen mussten und konnten uns nicht vorstellen – wie, wo- was in diesem einfachen Hügelland. Aber wie immer wurden wir schnell von 2 Jungen entdeckt, die uns dann 3 km zu Fuß führten und plötzlich ins Teff-Feld gingen, kurz darauf mit Brocken von Eisenerz herauskamen. Nicht lange und auch meine Augen suchten den Boden ab – und ich wollte es kaum glauben, als es wirklich keine Mühe war, faustgroße Brocken zu finden. (Der Ort wird hier strategisch geheim gehalten, falls wir dort eine Eisenerzhütte installieren wollen!)

Die freundlichen grüße der Bauern sehe ich noch vor mir und auch das Kuriosum, wie so mancher meinte, wir sollten der Regierung mal sagen, dass die Straße neu gemacht werden sollte – den Anfang hätten SIE ja schon gemacht. Uns wurde dennoch bewusst: Was wir als Straße begangen und befahren hatten, war so alt wie die Missionare eben diese Kanone vor 120 Jahren mit 400 Mann über 70 km transportieren mussten! Aber im Bewusstsein verankert ist eben das WIR weil die Ahnen das WIR ausmachen. Und unsere 2 Begleiter rochen auch einen stark duftenden Braten, als wir ihnen zum Dank etwas Geld schenkten und sie plötzlich kräftig zulangen wollten, denn es kämen ja täglich Touristen vorbei und die gäben immer weit mehr als wir! Wer will es ihnen verübeln!

Das Verhandeln ist eh eine Gabe, die man in solchen Ländern haben muss oder erlernen – und manche lernen es wohl nie. Echt heftig war eine solche Erfahrung, als ich einfache Ohrringe sah, vom Händler in Lalibela wusste, dass er 65 Birr mindestens dafür haben wolle und dann Like losschickte, als Äthiopierin welche zu erhandeln. Sie kam aber auch nur bis auf 45 Birr. Nun gut. Bei unserem Abschlusseinkauf in Addis sah ich zufällig in einem Laden noch mal diese Ohrringe UND ich traute meinen Augen nicht, denn da gab es hinten auf der Verpackung sogar einen Verkaufspreis aufgedruckt: 7 Birr. Als ich dafür das ganze Sortiment (es waren max. nur 9 Paar!) kaufen wollte, lachten, schämten, amüsierten - und verhandelten gleich neu die 2 Verkäuferinnen mit mir. Es war nur ulkig – aber für 7 Birr durfte ich sie nicht kaufen – für 25 ließen sie sie mir dann!

Unser Auto – auch da gab es letztlich härtestes Handeln zwischen dem Besitzer und Jochen, war kurzum, ein Wrack. Wir hatten den Jeep, anders kommt man nicht ins Hinterland, ca. 9 Tage gemietet, davon fuhren wir ca. 5 (denn wir blieben ja an manchen Orten je 2 Tage) 7 aufwändige und teils schwere Pannen. Der Kühler war schon nach 3 Std. Fahrt hinüber und wurde mit einem Gewürzpulver abgedichtet – leider hatten wir dummen Europäer keine Tee-beutel dafür dabei! Die Reparatur im Dunkel, irgendwelches Löten mit Blei, war echt teuer – aber es hielt halbwegs. Er wurde nur so heiß, dass manche Strecke im Gebirge (und wo ist kein Gebirge am „Dach Afrikas“ – wie Äthiopien auch genannt wird) eben zu Stopp und Go von max. 2-4 km wurde.

Unsere Sitzbank war anfangs eine Liegebank – unser umsichtiger und vorsichtiger Fahrer bekam sie aber irgendwie etwas steiler gestellt. Fenster einfach so mal runterdrehen – fiel flach – man musste die Scheiben heben - (hieß die Kurbel nicht auch früher: Scheibenheber?) Dass ein Reifen platzt, war kalkulierbar, Gott sei Dank nicht im Stockfinsteren! --Wenn ich dran denke, was die Werkstatt zu meinen Reifen meinte, jetzt beim Winterreifenwechsel, dann, ja dann kann ich nur hoffen, dass meine Altreifen ganz, ganz schnell an ein äthiopisches Auto kommen!! -- Tja und die Batterie – so was kann schon mal „kommen“ und dann kommt eben früh um 6 nichts in Gang. Da hilft auch nicht, dass die Säure erst vor wenigen Tagen aufgefüllt wurde. Man will gar nicht dran denken, was an Umweltschäden so produziert wird. Man suche sich dann Leute, die schieben, ziehen oder ein anderes klappriges Auto zum Abschleppen – das kostet dann so viel wie ein Taxi den Rest der Strecke – aber: wir liebten irgendwann UNSER Auto!

Klapprig heißt eben auch, dass diese Fahrzeuge einen Lärm machen, dass wir daheim uns vor allem wunderten wie LEISE ein Auto sein kann. Der Krach war wirklich in allen Fugen scheppernd, schlackernd, rasselnd. Als wir wegen eines Achsenbruchs (o. ä. was spielt das für eine Rolle) 4 Std. auf die Reparatur warten mussten und in die Nacht fuhren, packten Jochen und mich das wirklich kalte Grausen – das Licht entsprach nicht mal 2 Kerzenstärken (wenn es diese Einheit gibt). Wir flippten schier aus, als 2 Gefahren gerade so um“schifft“ werden konnten und ließen anhalten für die letzte Nacht in einer „Flohbude“, die aber keine war. Das dann am Morgen eben das Auto wieder nicht ansprang, schließlich das Lenkgestänge ab 70km/H zitterte, ließ uns fast schon kalt. Wir zuckelten in Addis ein und der Rückspiegel war nur das aller-allerletzte was noch seinen angestammten Platz mit lautem Knall verließ.

Von Wolde erfuhr ich noch einige Sprichwörter – oft sind sie nicht gerade frauenfreundlich: „Die Frau, die man zu viel lobt, wäscht danach sogar das Buch“ – (wie doof muss man da eben sein!) oder. „Die Frau, die nach dem fasst, was im Regal oben liegt, verliert, was sie unter den Arm geklemmt hat!“ Als wenn das Männer nicht auch geschehen könnte!

Jedenfalls sollte man auch nie versuchen, von Behörden etwas zu wollen, wie wir, die wir eine Mitteilung mit Stempel wollten, dass man unsere Kamera geklaut hatte. Es war nur ein Hin-und Her von ca. 3 Std. zwischen drei Polizeiämtern mit einem Bestechungsaufwand von ca. 30 Euro (gutes Monatsgehalt!). Ich hatte so allerdings Gelegenheit, die Frauen eines Gefängnisses zu sehen und wie deren Angehörige abends das Essen brachten und es selber probieren mussten (z. B. die Milch trinken) und wie die Beamtin am Tor im Brot stocherte oder den Teig durchfurchte mit einem kurz abgespülten Löffel (ihr möchtet nicht wissen, wie das Wasser zum Abspülen aussah!).

Wo bleiben so viele Gelder – bei so viel Korruption??? Doch – man kann richtig Reichtum auch sehen! Am Rand von Addis steht ein ganzer Stadtbereich unter diesem Stern – Reihenhaus an Reihenhaus, von einer Größe, die auch hier besseres Milieu verhieße. Aber welch` Reichtum steht dann erst in so einem armen Land dahinter!

Es war eine aufregende und zugleich so schöne, ruhige, beruhigende Reise. Ohne das Projekt hätte ich dies alles nicht erlebt, wäre nie auf dieses Reiseland gekommen! Durch Woldes Hilfe konnten wir uns viel erschließen, durch meine Neugier und mein anderes Schauen konnten wir wohl einen anderen Blick bekommen, als es oft unter Zeitdruck des Projektes sonst geschehen war.

3. 12. 2010