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Windenergie für Äthiopien

eine Entwicklungshilfe-Windkraftanlage, konstruiert in einer sächsischen Dorfgemeinde

Ergebnisbericht zur Projektfahrt 2015

Windenergie für Tula/ Äthiopien 13. 1.-6. 2. 2015

Mitreisende:

  • Daniel Gaffron, Metallbau-Sonderanfertigungen, Glashütte (17. 1. - 6. 2. 2015)
  • Jürgen Reinhardt, Maschinenbauingenieur i. R., Mockritz (13. 1. - 6. 2. 2015)
  • Dr. Jochen Hahn, Pfarrer, Rüsseina (13. 1. - 6. 2. 2015)
  • Dr. Josef Staubach, Mathematiker/ IT-Spezialist, Pesterwitz (13. 1. - 30. 1. 2015)
  • Helfried Vater, Meister Elektroanlagen, Choren (17. 1. - 30. 1. 2015)
  • Lutz Mummert, Meister Heizung und Sanitär, Klessig (17. 1. - 30. 1. 2015)
  • Martin Menzel, Kraftfahrer, Bodenbach (17. 1. - 30. 1. 2015)
  • Marcus Küttner, Maschinenbauingenieur, Neukirchen (17. 1. - 30. 1. 2015)
  • Andreas Zehrfeld, Versicherungskaufmann, Gleisberg (17. 1. - 30. 1. 2015)
  • Dirk Schulze, Medientechniker/ Journalist, Dresden (17. 1. - 30. 1. 2015)

Gliederung des Berichtes

  1. Projektvorlauf 2014
  2. Ziel der Projektreise
  3. Die Realisierung des Projektes
    1. Vorbereitungsarbeiten in den ersten Tagen
    2. Aufbau der Infrastruktur, Ernährung
    3. Die Zusammenarbeit mit der Kommune und der Dorfbevölkerung
    4. Die auszubildenden Wartungstechniker
  4. Der Aufbau des Gesamtsystems
    1. Das Stellen der Strommasten und die Verlegung des Hauptkabels
    2. Die Errichtung der Windkraftanlage
    3. Die Installation der Elektrostation
    4. Die Solaranlage
    5. Die Installation von Gebäuden
  5. Einrichtung von Werkstatt und Materiallager im Elektrohaus
  6. Vorgaben und Regelungen, die dem langfristigen Betrieb der Anlage dienen
    1. Grundbeitrag für Stromnutzer
    2. Monatliche Strompauschale
    3. Nutzungsvereinbarung
    4. Merkblatt für Stromnutzer
    5. Erfassung der Leistungsdaten und Wartungsplan für die Techniker
  7. Kabelkäufe und Projektbegleitung: Die zweite Projektfahrt 7. – 15. 4. 2015
  8. Begegnungen
    1. Kinder
    2. Gele-t-omo und Dankeschön-Einladungen
    3. Evangelisches Christsein
    4. Wunderschöne Sonnenaufgänge
  9. Witterung
  10. Perspektive
  11. Die Kosten der Projektfahrt 2015 und bisherige Gesamtkosten des Projektes Tula

1. Projektvorlauf 2014

(vgl. dazu den ausführlichen Projektbericht 2014)

Von Dezember 2013 bis März 2014 "ruhten" unsere sechs großen Transportkisten im Hafen von Djibouti - gegen eine erkleckliche Lagergebühr von über 1000 Euro - frei nach dem Motto "Eingebüßt ist auch gehandelt". Immerhin wurde dann im März 2014 der Transport nach Hossana organisiert und die Kisten in einer sicheren Lagerhalle der Mekane Yesus Kirche gelagert. Der bürokratische Aufwand zur zollbefreiten Einfuhr war für die Kirche Mekane Yesus enorm.

Nach Ostern 2014 ließen wir, Christian Preuß und Jochen Hahn aus Rüsseina, es uns nicht nehmen, die Ladung vor Ort auf Vollständigkeit zu kontrollieren, um den Fortgang unserer für 2015 geplanten Projektarbeit abzusichern. Bis auf einzelne Transportschäden an Solarplatten war die gesamte Ladung komplett und in Ordnung. Ein Versicherungsfall hatte keine Chance auf Erfolg. Da bleibt am Ende nur ein Achselzucken. Es hätte freilich alles schlechter kommen können. Darüber waren wir schon einmal froh. Nun mussten in Addis Abeba Ersatzsolarplatten beschafft werden, was später über die Firma "Solar 23" (Thomas Koepke) im Stadtteil Mekanisse im Laufe des Jahres 2014 auch unkompliziert realisiert werden konnte.

Von Seiten der Bevölkerung von Tula blieb noch der Lehmverputz des umgebauten und vergrößerten Elektrohauses offen, der im Laufe der Regenzeit 2014 erledigt werden sollte.

Insofern waren nun die Ausgangsbedingungen für eine Projektfahrt im Januar 2015 sehr verheißungsvoll.

2. Ziel der Projektreise

Das Ziel war klar gesteckt: In der begrenzten Zeit von insgesamt drei Wochen so weit im Aufbau der Anlage zu kommen, wie es geht.

Dabei sollte der dreiköpfige Vortrupp (Staubach, Reinhardt, Hahn) innerhalb von fünf Tagen alles soweit vorbereiten, dass nach dem Eintreffen weiterer sieben Leute am 19. 1. die Hauptarbeiten in Tula sofort begonnen werden können. Für den Hauptbauabschnitt waren 9 Tage vorgesehen.

Eine Nachsorgegruppe von drei Mann (Reinhardt, Hahn, Gaffron) sollte dann dafür sorgen, die angelernten dortigen Techniker im Betrieb der Anlage sowie im eigenständigen Netzausbau weiter zu schulen, die Übergabe der Anlage an die Kommune zu organisieren sowie den Rückbau der Infrastruktur zu bewerkstelligen. Dafür war eine Woche eingeplant.

3. Die Realisierung des Projektes

Im Unterschied zu manch anderen Jahren voller Schwierigkeiten können wir sehr dankbar auf diese Projektfahrt 2015 zurückblicken. Im Wesentlichen verlief alles sehr effektiv und erstaunlich reibungslos.

3. 1. Vorbereitungsarbeiten in den ersten Tagen

Der dreiköpfige Vortrupp (Staubach, Reinhardt, Hahn) konnte wie geplant in den ersten vier Tagen sämtliche Vorarbeiten erledigen:

  • Kontakte in Addis Abeba pflegen (Mekane Yesus Kirche, Solarfirma),
  • Material-Besorgungen in Addis und Hossana erledigen (Hilfsmittel, Handwerkszeuge, Holzschutzmittel, Bauholz, Kanister, Treibstoffe, …)
  • Transport der Ersatz-Solarplatten von Addis nach Hossana
  • LKW-Transport des gesamten in Hossana gelagerten Materials nach Tula.
  • Ordnung aller Materialien und Handwerkszeuge in Tula
  • Beginn mit dem Aufbau d. Infrastruktur (Zelte, Tischbau)

Unser Partner vor Ort, die Kirche Mekane Yesus (in Hossana), war in diesem Jahr gut auf unser Kommen vorbereitet. Dies betraf nicht nur die Organisation des LKW-Transportes nach Tula, sondern vor allem auch die Bereitstellung eines Übersetzers. Der junge Wasserbauingenieur Lirenso war der Regionalsprache Hadiya mächtig. Er zeltete mit uns in Tula und stand nahezu die gesamte Zeit zur Verfügung. Ohne ihn hätten wir weder eine Dorfversammlung noch die Ausbildung der Techniker bewerkstelligen noch irgendeine Absprache mit der Kommune und den Menschen vor Ort treffen können. Danke Lirenso, danke Ato Amanuel und Ato Abebe!

Die Auffahrt nach Tula ist eher abenteuerlich. Der Höhen-unterschied Hossana - Tula liegt bei 500 Metern, die aber erst im letzten Drittel der ca. 18 km langen Fahrt anliegen. Bis zur Kebele-Verwaltungsstadt Morsito gibt es normale Schotterpiste. Dann aber geht es schmale Wege. Eine Holzbohlenbrücke war im desolaten Zustand. Die Überfahrt unseres LKW war eher ein Wagnis.

Danach blieb der LKW in einem Wasserloch hängen, das wir erst mit Steinen aus dem Wald füllen mussten, ehe ein Weiterkommen möglich war. In einer Regenperiode ist hier mit Fahrzeug kein Hochkommen.

3. 2. Aufbau der Infrastruktur, Ernährung

Auf Grund des Platzbedarfes (und des erhöhten Ratten- und Flohaufkommens) wurde das größere Versammlungsgebäude unserer Bauernwirtschaft zum Materiallager. Wir übernachteten in mitgebrachten Zelten auf der Wiese. Da staunten die Leute von Tula nicht schlecht über die "Leichthütten", die sie so noch nie gesehen hatten. Der große Tisch wurde aus Resten der Materialkisten gebaut.

Eine weitere Transportkiste wurde zu einer Toilette umfunktioniert, in der man ordentlich sitzen konnte. Und per Plastwasserfass wurde der Luxus durch eine Kaltdusche noch vervollständigt.

Gruppenmitglieder bauten nebenher aus Eukalyptusstangen mehrere Leitern für die Kabelmontage und die desolaten "China-Schubkarren" wurden durch Verstärkungen wieder gangbar gemacht.

Was das Essen anlangt: Auch hier gab es einen gewissen Luxus: Jürgen Reinhardt kochte für die gesamte Gruppe und zauberte aus mitgebrachten Konservenbüchsen und einheimischen Früchten wunderbare und schmackhafte Kreationen. Früh und Abend gab es Brot mit Mitgebrachtem (Wurst- und Fischkonserven, Käse, …. und Schokolade). Dankbar nahmen wir das abendliche Angebot der Familie an, in der Hütte und in Gemeinschaft mit allen Tieren am Feuer Kaffee trinken zu können. Dazu gab es üblicherweise Kollo, d. h. geröstete Weizen- oder Gerstenkörner bzw. geröstete Kichererbsen.

Wasser tranken wir ausschließlich aus handelsüblichen Mineralwasserflaschen. So haben wir es geschafft, weitgehend durchfallfrei über die Zeit zu kommen (d. h., Durchfall hatte fast jeder einmal für ein, zwei Tage. Aber das ist normal).

3. 4. Die Zusammenarbeit mit der Kommune und der Dorfbevölkerung

Im Unterschied zum ersten Projektort Debo (äthiop. Hochland), wo die Zusammenarbeit mit der Kommune und den Leuten eher schleppend und unzuverlässig lief, machen wir in Tula andere Erfahrungen. Bürgermeister und Mitarbeiter waren engagiert dabei, sprachen sehr oft mit uns alle Vorhaben ab und kommunizierten sie zuverlässig mit der Dorfbevölkerung. Dass die Strommasten in Eigenleistung geschlagen und vorbereitet und die Löcher gegraben werden, wurde als selbstverständ-lich erachtet (in Debo mussten wir jeden Handgriff bezahlen). In zwei Dorfversammlungen und einer Versammlung der Kommunalverantwortlichen wurden alle Fragen sehr offen angesprochen und basisdemokratisch beschlossen. Dies betraf die Fragen der Leitungsverlegung, der finanziellen Beteiligung der Stromnutzer, den Einsatz und die Bezahlung der Techniker sowie ganz alltäglich notwendige Hilfen im Zuge unserer Arbeiten.

Erstaunlich für uns auch: Jede Nacht wurde eine Wache von ca. zwei bis drei Leuten für uns abgestellt, die die gesamte Nacht, in Tüchern gehüllt, in unserer Nähe ausharrten, um uns das Gefühl der Sicherheit zu geben. 18 Familien wurden dazu eingeteilt.

3. 5. Die auszubildenden Wartungstechniker

Bereits im vergangenen Jahr absolvierten drei junge Leute aus Tula (zwei Männer, eine Frau) im College Hossana einen Einführungskurs in Elektrotechnik. Dieser Kurs wurde Ende des Jahres 2014 noch einmal aufgefrischt und fortgeführt.

Das Niveau der drei war sehr unterschiedlich. Immerhin gab es ein Zugpferd unter den dreien, der die anderen mitnahm.

Mit viel Ausdauer und Hingabe widmeten sich vor allem Helfried Vater und Lutz Mummert der Weiterbildung. Auch wenn es manchmal ein Mehrzeitaufwand bedeutete - die Techniker wurden in alle anfallenden Arbeiten ausführlich eingeführt und so lange einbezogen, bis sie die Handgriffe konnten. Dies betraf das Prinzip der Hausinstallation und die Freikabelverlegung. Dazu bauten wir eine Musteranlage auf, an der ebenerdig gelernt werden konnte. Die Ausbildung betraf weiterhin die Kabelanschlüsse, das Setzen der Masten und den Aufbau der Windkraftanlage. In der Elektrostation konnten wir sie einführen in das Grundprinzip der Energieumwandlung und in den Zusatzbetrieb mit Dieselgenerator. Bereits nach einer Woche waren sie weitgehend befähigt, eine Hütte selbständig zu installieren und anzuschließen. In unserer Abwesenheit werden sie weitere Hütten anschließen und die Anlage betreuen, soweit dies für sie möglich ist. Die Erfahrungen der Ausbildung waren für uns (und die Techniker) sehr positiv.

4. Der Aufbau des Gesamtsystems

4. 1. Das Stellen der Strommasten und die Verlegung des Hauptkabels

Dies war eine der ersten Fragen: Wo soll das Hauptkabel verlegt und auf welche Weise können die Mast gesetzt werden?

Jürgen Reinhardt erklärte sich zum "Streckenwolf" und begleitete viele Tage diese Arbeiten. Zuerst stand die Festlegung des Routenverlaufes: In Begleitung des Bürgermeisters schlugen wir uns durch die Grund-stücke und markierten mit Spray alle 25 Meter eine Mastposition, so dass die Anwohner wussten, wo sie Masten zu setzen hatten. Der Verlauf war einfacher festzulegen, als wir dachten. Da es in Äthiopien kein Privatland gibt (alles staatliches Pachtland), gab es auch keine Mitnutzungsansprüche. Diese erübrigten sich allemal, da jeder Mast in Hausnähe sichere Stromversorgung verspricht.

In weniger als einer halben Stunde ist ein Eukalyptusbaum mit der Axt umgelegt und entrindet. Hier kommt uns der dichte Eukalyptusbestand in Tula entgegen. Nach ein/zwei Tagen Trocknung wird dann das untere Viertel Holzschutzbehandelt und die Aufhängung für das Kabel angebracht. Eine kleine Alufolien-Kappe soll das Eindringen des Wassers von oben her verhindern. Danach wird der Mast in das vorbereitete Erdloch gestemmt.

Ein Problem stellt die Haltbarkeit der Eukalyptusmasten dar. Im Erde-Luft-Übergang fault das Holz rel. schnell. Wir versuchen die Lebensdauer zu verlängern durch Streichen mit einem Holzschutzöl bzw. damit, dass die Masten in der Erde mit einer Art Steinschotterfüllung umgeben sind.

Im Nachgang zum Stellen der Masten haben dann Daniel Gaffron und Andreas Zehrfeld in unermüdlicher und tagelanger schwerer Arbeit das Kabel abgerollt (2 isolierte Leitungen AL 35²), in die Masten eingehängt, gespannt und fixiert.

Immerhin beträgt die Hauptkabelstrecke 1.750 m.

4. 2. Die Errichtung der Windkraftanlage

Nachdem bereits im Jahr 2013 die Basismetallkonstruktion in Beton fundamentiert und die Mast-konstruktion 2014 in der Mekane-Yesus-Werkstatt in Addis hergestellt worden war, konnte nun das Windrad rel. durch D. Gaffron, A. Zehrfeld, D. Schulze und J. Hahn komplett errichtet werden. Dies betraf den Zusammenbau des Mastes, die mehrfache Abspannung sowie die Installation des gesamten Windradkopfes mit Generator und Rotor. Nachträgliche Schweißarbeiten waren auf Grund des vorhandenen kräftigen Dieselgenerators und eines modernen federleichten Schweißinverters gut möglich. Das Aufrichten des Windrades blieb für alle ein spannender und erhebender Moment.

Die regelmäßig auftretenden Nachtstürme forderten das Windrad in starkem Maße und ermöglichten einen erheblichen "Nachtenergieschub".

4. 3. Die Installation der Elektrostation

Das war eine besondere Herausforderung: Wie sollten an die nur grob ausgeworfenen Lehmwände unsere (teuren) Komponenten sicher befestigt werden? Aus Erfahrung hatten wir Gewindestangen und Unterlegplatten mitgenommen. Damit war es dann möglich, alles fest zu bekommen. H. Vater und J. Staubach konnten so in wenigen Tagen alles installieren, was in die E-Station gehört: Großer Akku-Block, Hauptschaltkasten, Windstromwandler, Überlast-Heizelemente, Wechselrichter, Solarladeregler. Nun konnte die Windkraftanlage in Probebetrieb gehen und … Strom in die Akkus einspeisen. In den Folgetagen haben wir mit Verbrauchern die Akkuleistung getestet. Dank seiner besonderen Programmierkenntnisse konnte M. Küttner mittels Laptop und Software den Wechselrichter so nachkonfigurieren, dass eine größere Strombevorratung möglich ist.

4. 4. Die Solaranlage

Auch hier eine Herausforderung: Wie auf dem hauchdünnen Wellblechdach des E-Hauses eine Solaranlage befestigen? Und dies mit zwei verschie-denen Plattentypen und Halterungssystemen? L. Mummert und M. Menzel konnten dies Dank vorhandenen Bauholzes und ihres Improvisations-vermögens in wenigen Tagen realisieren. Das Solardach ist wegen des speziellen Sonnenstandes nur sehr schwach geneigt. Zwischen zwei Plattenfeldern verläuft ein Bretter-Laufsteg, um die Platten von da aus regelmäßig reinigen zu können. Die Solaranlage hat eine Leistung von ca. 3 KWp. Bereits 7.00 Uhr beginnt sie zu arbeiten und bringt trotz immer noch schrägen Sonnenstandes 10.00 Uhr bereits 1,5… 2 KW. Damit dürfte in Kombination mit der Windkraftanlage auch in der problematischen Regenzeit genug Energie produziert werden.

4. 5. Die Installation von Gebäuden

Nachdem wir unseren Energiekomplex mit den einzelnen Komponenten errichtet hatten, forcierten wir vorerst die Installation der öffentlichen Gebäude, da sie vom ganzen Dorf genutzt werden: eine Evangelische Kirche (Mekane Yesus Kirche; diese mit Notstromaggregat ausgestattet, da die Entfernung vom Dorf zu weit ist), vier Räume der Schule (nach Wunsch zwei Lehrerzimmer und zwei Klassenräume), die Dorfverwaltung und den Dorfversammlungsraum.

Danach ging es zügig an die ersten Hausinstallationen, wobei unsere Techniker schon sehr stark mit einbezogen waren. Hier mussten wir uns erst ein wenig herantasten, was die besten Varianten einzelner Installationsschritte sind, bedeuten doch die Lehmwandungen eine besondere Herausforderung an die Befestigungstechnik. Die Kommune hatte entschieden: jede Familie nur eine Lampe und eine Steckdose. Dies ist hinsichtlich der "Einraumwohnung" sinnvoll. Das Grundprinzip der Hausinstallation ist folgendes:

  • von der Hauptdorfleitung wird ein Abzweig gelegt mit Sicherungskasten 6 A. Von diesem Abzweig können mehrere Hütten weiterverzweigt angeschlossen werden.
  • über separate Masten werden zwei isolierte Kabel (6²) an den Hausmasten geführt, von dem aus die Leitung in das Haus nahe der Eingangstür verlegt wird.
  • Im Haus gibt es einen Haussicherungskasten mit Trennmöglichkeit und Glassicherung (250 mA = 60 Watt Höchstleistung); dieser Sicherungskasten dient nicht nur der Absicherung gegen Kurzschluss- bzw. Brandgefahr, sondern begrenzt die Verbraucher- leistung drastisch.
  • Über eine Klemmdose (Verklemmung mit Lüsterklemmen bzw. Wago-Klemmen) gehen die Leitungen (2x1,5²) zu Lampe, Schalter und Steckdose.
  • Als Standartlampe benutzen wir eine 6 W LED-Lampe (bzw. Restbestände 11 W- Energiesparlampen)

Es ist berührend zu erleben, welche Freude beim ersten Aufleuchten der Lampe zum Ausdruck gebracht wird. Manchen kleinen Freudentanz haben wir miterleben können.

Die Steckdose dient dem Aufladen von kleinen Akkugeräten (Handy, später besonders auch Akkulampen).

In der Zeit unserer Anwesenheit konnten außer den öffentlichen Gebäuden noch ca. 20 Hütten angeschlossen werden, wobei die letzten 10 Hütten fast ausschließlich durch die Techniker installiert wurden. Dies gab uns Gelegenheit, noch Korrekturen vorzunehmen und auftretende Probleme zu klären. Es war z. B. durchaus nicht klar, in welchem Winkel ein Stützmast gesetzt werden muss, wenn das Kabel stark abgewinkelt weitergezogen wird. Nebenkabel kamen über Wegen zu tief zum Hängen. Die Kabelverlegung in der Hütte, die nach unserer Anleitung im Winkel und in geraden Linien realisiert wird, geriet plötzlich in eine Diagonale (warum im Winkel legen, wo ich in der Diagonale weniger Kabel brauche?). Die Techniker setzten dennoch sehr schnell unsere Vorgaben um.

5. Einrichtung von Werkstatt und Materiallagerim Elektrohaus

Kurz vor unserer Abreise ließen wir es uns nicht

nehmen, den Technikern im Elektrohaus ein geordnetes Materiallager sowie ein Werkbank mit Werkzeugwand, Schraubstock und Schleif-maschine zu hinterlassen. Alles wurde durch den Bürgermeister (und uns) inventarisiert. Auf diese Weise geben wir den Technikern einen Raum zur Hand, in dem sie das Gefühl haben können: dies ist unser zentraler Verantwortungsbereich. Hier ist alles geordnet und konzentriert, was für den Weiterausbau der Anlage nötig ist.

6. Vorgaben und Regelungen, die dem langfristigen Betrieb der Anlage dienen

Bevor wir Tula verlassen, wollten wir so viel als möglich regeln hinsichtlich eines gut organisierten Betriebes. Dies betraf folgende Fragen, die bereits in vorhergehenden Dorfversammlungen angesprochen worden waren:

6. 1. Grundbeitrag für Stromnutzer

Nach dem Motto "Was nichts kostet, ist nichts wert" folgte das Dorf unserem Vorschlag, beim Stromanschluss einen einmaligen Anschlussbeitrag von 100 Birr (=4,30 Euro) in die Dorfstromkasse einzuzahlen.

6. 2. Monatliche Strompauschale

Zugunsten eines dauerhaften Betriebes ist es nötig, dass jeder Stromnutzer einen Pauschalbeitrag zahlt. Auch hier folgte das Dorf unseren Vorschlag, pro Monat eine Nutzungspauschale von 20 Birr (= 0,86 Euro) zu zahlen. Geht man perspektivisch davon aus, dass ca. 120 Hütten angeschlossen werden, ergäbe dies eine monatliche Gesamteinnahme von rund 100 Euro. Damit kann man ohne weiteres die Wartungstechniker bezahlen, die ja diesen Dienst nebenamtlich ausführen und hätte Geld übrig zur Bildung einer Rücklage (Diesel, ggf. Ersatzkomponente).

6. 3. Nutzungsvereinbarung

Jeder Stromnutzer unterzeichnet zu Beginn eine Nutzungsvereinbarung, die die finanzielle Beteiligung regelt sowie Fragen des Energieverbrauches (Beschränkung auf Kleingeräte) und der Bindung an die Techniker bei Reparaturen. Extra Reparaturen im Haus müssen dann auch extra vergütet werden. Diese Vereinbarung wurde durch uns mit dem Übersetzer Lirenso aufgesetzt und lag zu unserer Abreise maschinenschriftlich und kopiert in amharischer Sprache vor.

6. 4. Merkblatt für Stromnutzer

Für jede stromnutzende Familie haben wir ein kleines Sicherheitsmerkblatt verfasst, das in der Dorfsprache übersetzt maschinenschriftlich vorliegt. Hier geht es um Richtlinien des Stromsparens und der Sicherheit an Steckdosen und Lampen.

6. 5. Erfassung der Leistungsdaten und Wartungsplan für die Techniker

Ein vorgedruckter Wartungsplan dient den Technikern der wöchentlichen Erfassung folgender Daten. Windaufkommen, Ertrag Windkraftanlage, Ertrag Solaranlage und Stromverbrauch Dorf.

Zudem werden die Techniker am Ende des Monatsblattes hingewiesen auf:

  • Aufladen der Akkuschrauber
  • Starten des Dieselaggregates (zur Auffrischung der Starterbatterie)
  • Entdrillen des Kabels im Windradmast
  • Reinigung der Solarplatten

7. Kabelkäufe und Projektbegleitung: Die zweite Projektfahrt 7. – 15. 4. 2015

Reiseteilnehmer:

  • Christian Preuß, Rüsseina (Landmaschinenschlosser i. R.)
  • Jochen Hahn, Rüsseina (Pfarrer),
  • Klaus Hundert, Röhrsdorf (Ingenieur),
  • Frank Händel, Krögis (Geschäftsführer)

Es zeichnete sich bereits zur Abfahrt im Februar 2015 ab, dass in einem kürzeren Abstand Tula noch einmal besucht werden muss. Zum einen fehlte es an Kabeln. Zum anderen benötigen die Techniker fachliche Begleitung. Zum Dritten sollte sichergestellt werden, dass die Anlage wirklich gut funktioniert. Zum Vierten wollten wir per Luftaufnahmen das Dorf Tula erfassen, um eine Planung für 2016 möglich zu machen.

Kabelkäufe

So konnten zu Beginn der zweiten Reise die nötigen Kabel nachgeordert werden. Dies gestaltete sich relativ unkompliziert. Durch die Firma „Eurocable“ konnte von heute zu morgen die nötigen Kabel besorgt werden. Auch Elektrozubehör (z. B. kleine Klemmdosen) war in einschlägigen Läden zu haben. So konnten wir den Nachschub nach Tula bringen, damit die Techniker in Eigenverantwortung weitere Wohnhütten anschließen konnten. Bild 1

Zustand der Anlage/ Begleitung der Techniker

Wir fanden das Elektrohaus in sehr sauberem Zustand an. Ein Problem stellte sich beim Windladeregler heraus, der 2016 gegen ein Seriengerät ausgetauscht werden soll. Die Techniker hatten bis zur Materialneige ca. 15 weitere Wohnhütten angeschlossen. Strom liegt an. Wir konnten den Technikern weitere Tipps geben zur Leitungsverlegung und Mastsetzung. Alles in allem ein erfreulicher Zustand.

Kartografische Erfassung der Dorfstruktur/ Planung 2016

Auf Grund von sehr aktuellen und gut aufgelösten Luftbildkarten war es nun möglich, zusammen mit dem Bürgermeister und Kommunalmitarbeitern einen Dorfrundgang zu machen und die zukünftige Leitungsverlegung genauestens festzulegen. Jede anzuschließende Hütte ist auf der Karte gut erkennbar und wurde markiert. Zur Freude des Bürgermeisters konnten wir ihm zwei komplette Dorfkarten überlassen, die ersten Karten vom Dorf Tula. Nun können wir das noch nötige Material für 2016 genau planen.

8. Begegnungen

Dies ist eine der wichtigsten Erfahrungen unserer Projektarbeit: Du kannst kein Projekt einfach so "durchziehen" ohne dir für die Menschen vor Ort Zeit zu lassen. Dies ist nicht immer einfach, stehen wir doch in der Regel auf Grund der begrenzten Zeit unter einem hohen Zeitdruck. Dennoch sind die Begegnungen mit den Menschen etwas unglaublich Wichtiges und Schönes, nicht nur hinsichtlich der Projektrealisierung. Unser einfaches Dasein vor Ort, in Zelten wohnend und in der Teilhabe an der abendlichen Hüttenrunde, lässt sehr schnell Vertrauen wachsen und ein gutes Miteinander. Das Stichwort "Begegnungen" soll Platz geben für die verschiedensten Eindrücke.

8. 1. Kinder

Es ist immer wieder eine Freude, in Kindergesichter zu schauen. Im Unterschied zum Projektdorf Debo im äthiopischen Hochland sind die Kinder in Tula deutlich zurückhaltender. Und doch sind sie ganz dicht an uns dran, gucken zu, lachen verschämt, wenn man mit ihnen scherzt, packen die Schubkarre an und helfen ohne viele Worte manchmal stundenlang. Auffällig aber auch viele Kleinkinder mit ihren Geschwistern auf dem Rücken.

8. 2. Gele-t-omo und Dankeschön-Einladungen

Im Grunde rührend und ganz lieb gemeint: "Ihr seid eingeladen". Entweder ein Kommunalverantwortlicher oder eine Privatfamilie möchten uns Gutes tun und Danke sagen. Doch wir stehen mitten im Stress, haben nur begrenzte Zeit. Da gilt es, diplomatisch einen günstigen (kurzen) Termin zu finden oder eine kleine Delegation zu schicken. Es gibt Kollo (angeröstete Getreidekörner bzw. Kichererbsen) oder Kotcho (gebackener Brei aus der Wurzel der falschen Banane). Und weil die Leute in Tula mitbekommen haben, dass die Deutschen gern Bier trinken, gibt es neben Softdrinks eben auch Bier. Die Leute in Tula lassen es sich dies kosten. Sie wollen Danke sagen. So oft haben wir es gehört: Gele-t-omo - Danke!

8. 3. Evangelisches Christsein

In Tula gibt es drei evangelische Kirchen leicht unterschiedlicher Prägung. Es gibt zwischen ihnen ein gutes Miteinander. Was uns in den Gottesdiensten begegnete, war eine große Lebendigkeit und Gastfreundschaft. Was uns durchaus verwunderte: An den drei Sonntagen haben wir nicht herausbekommen, wer denn der Pfarrer ist. Der Grund: Die Mitarbeit von Kirchvorstehern und anderen Gemeindegliedern war so groß, dass dem Pfarrer nur ein rel. kleiner Teil der Gottesdienstgestaltung zukam. Kirchvorsteher halten (durchaus lange) Gebete, machen Ansagen, halten Lesungen, leiten Lieder an (die mit Gitarre und Trommeln begleitet werden). Dieser lebendige Glaube scheint durchaus auf die Dorfstimmung sehr positiv zu wirken.

8. 4. Wunderschöne Sonnenaufgänge

Auch das gehört zu den Begegnungen auf diesen Tula-Höhezug: Beeindruckende Sonnenauf- und -untergänge. Am Abend der Abglanz des heißen Tages, am Morgen eine gnädige Anzeige des neuen hellen Tages am Ende einer stürmischen Nacht.

9. Witterung

Die Trockenzeit im Januar/ Februar erscheint für eine solche Projektumsetzung vor Ort als sehr geeignet, da Regenfälle fast ausgeschlossen werden können. Allerdings ist es nicht die wärmste Zeit. Die ersten drei Tage war es mehrheitlich bedeckt, was sich auf Sonneneinstrahlung und Wind für uns negativ auswirkte. Die übrigen Tage waren geprägt von immer dem gleichen Wetterverlauf:

  • nach Sonnenaufgang 6.30/7.00 Uhr ließ der Wind langsam nach; Kühle
  • tagsüber sehr sonnig, ein Lüftchen, 20 - 25° C
  • nach Sonnenuntergang fällt die Temperatur stark ab, in der Nacht bis 11..13°C; ein Wind beginnt, der sich nachts zum Sturm auswächst (bis 16,8 m/s!).

10. Perspektive

Im Gespräch mit leitenden Vertretern der Mekane Yesus Kirche wurde sehr deutlich, dass unser Projekt in mehrfacher Hinsicht eine große Bedeutung hat. Für die Entwicklungshilfeabteilung der Kirche (DASSC) ist eine Wind-Solaranlage ein Schritt in neue technische Gefilde. Zudem ist die Kirche dem Staat gegenüber sehr darauf angewiesen, gut laufende neue Projekte zu präsentieren, um auch in Zukunft die Lizenz zur zollfreien Einfuhr zu erhalten.

Auch die Regionalregierung in Hossana verfolgt dieses Projekt mit Interesse, da alternative Energiekonzepte in steigendem Maße auch in Äthiopien in das Blickfeld geraten. Vermutlich wird sich manche Delegation nach Tula aufmachen. Deshalb werden wir an Tula dranbleiben und dieses Projekt stabilisieren und überlegt ausbauen. Die Voraussetzungen dafür erscheinen nach unseren diesjährigen Erfahrungen als sehr gut.

Im Februar/ März 2015 werden die Techniker mit den noch vorhandenen Materialien 20 weitere Hütten angeschlossen haben. Damit wären alle Hütten in Sichtweite des Hauptkabels bis zum Endpunkt Schule angeschlossen (ca. 40 Hütten).

2016 wollen wir möglichst 100 Hütten angeschlossen haben. Dazu planen wir im Januar/ Februar 2016 wiederum eine ähnliche Projektaktion. Dann dürften die meisten Familien im Dorf Licht haben.

Erst dann wird sich abschätzen lassen, wie viel Energie produziert bzw. verbraucht wird.

Weiterhin haben wir dem Dorfältestenrat eine Idee weitergegeben: Die Schaffung eines kleinen Service-Zentrums im Gelände der Kebele-Verwaltung: Ein kleiner Laden, in dem elektrische Geräte (Akkulampen, Ersatzlampen, Batterien …) zu erwerben sind mit angeschlossener kleinen Service-Werkstatt. Diese Idee wollten wir allerdings nicht einfach selber umsetzen. Wir warten darauf, dass die Dorfgemeinschaft hier selber ein Stück aktiv wird. Wir werden sie dann gern unterstützen.

Ob wir einem sehr abgelegenen Dorfteil (1 km unten im Tal) eine separate Lösung anbieten können, wird weiter zu bedenken sein. Wegen ca. 15 Hausanschlüssen ein über 1 km langes Kabel zu legen, ist finanziell nicht wirklich sinnvoll. Zu überlegen ist, ob man eine kleine separate und solarbetriebene Energietankstelle im Dorf errichtet (Solarplatte, Speicherakku, Wechselrichter). Hier könnte die Bevölkerung akkubetrieben Kleinverbraucher aufladen.

11. Die Kosten der Projektfahrt 2015 und bisherige Gesamtkosten des Projektes Tula

Die Kosten der diesjährigen Projektfahrt belaufen sich bei 8.500 Euro. Darin enthalten sind die im Vorfeld beschafften Werkzeuge und Geräte, Elektronik, 10 Solarplatten, Öffentlichkeitsarbeit, sämtliche Transporte in Äthiopien incl. Miete Jeep, LKW, Transferkosten, Kraftstoff, Löhne (Übersetzer, Helfer …), Hotelkosten in Addis und Hossana, viele Werkzeuge und Materialien, Stromkabel, Grundstock für Stromkasse in Tula …

Die Flüge haben die Projektteilnehmer wie immer privat getragen und für die Zeit der Projektarbeit Urlaub genommen. Danke allen Projektteilnehmern! Anders wäre das Projekt nicht zu finanzieren.

Die bisherigen Kosten für das Gesamtprojekt Tula (2011-2015) belaufen sich bei 43.500 Euro.

Alle Ausgaben konnten bisher über Spenden gedeckt werden! Das ist wie ein Wunder. Ganz herzlichen Dank allen, die finanziell zum bisherigen Gelingen des Projektes mit beigetragen haben!

Wer uns weiter finanziell unterstützen möchte, kann dies gerne tun:

Windenergie Äthiopien e. V.
IBAN DE81 350 601 901 600 076 015
BIC GENODED1DKD
"Windenergieprojekt"

Als gemeinnütziger Verein stellen wir selbstverständlich Spendenbescheinigungen aus. Dazu benötigen wir auf der Überweisung die vollständige Angabe zu Name und Adresse.

gez. J. Hahn, 11. 3. 2015