CreaProtect
Windenergie für Äthiopien

eine Entwicklungshilfe-Windkraftanlage, konstruiert in einer sächsischen Dorfgemeinde

Ergebnisbericht Projektfahrt 2014 Windenergie für Tula/ Äthiopien

Zeitlicher Rahmen

17. 1. - 14. 2. 2014

Mitreisende

Daniel Gaffron, Metallbau-Sonderanfertigungen, Glashütte (17. 1. - 14. 2. 2014)
Jürgen Reinhardt, Maschinenbauingenieur i. R., Mockritz (17. 1. - 14. 2. 2014)
Dr. Jochen Hahn, Pfarrer, Rüsseina (17. 1. - 14. 2. 2014)
Dr. Josef Staubach, Mathematiker/ IT-Spezialist, Pesterwitz (24. 1. - 14. 2. 2014)
Helfried Vater, Meister Elektroanlagen, Choren (24. 1. - 7. 2. 2014)
Lutz Mummert, Meister Heizung und Sanitär, Klessig (24. 1. - 7. 2. 2014)
Holger Schneidereit, Elektronische Sonderlösungen, Meißen

Gliederung des Berichtes

  1. Ziel der Reise
  2. Projektvorlauf 2013
  3. Wiederentdeckte Papiere und Bürokratendschungel
  4. Fertigstellung der Mastkonstruktion und Einkäufe
  5. Eine kleine Dienstleistung für die Kirche Mekane Yesus
  6. Wichtige Vorbereitungen und Klärungen für einen sicheren Start des Projektes in Tula
    1. Materialtransport nach Tula
    2. Ausbildung der drei Techniker; Bildungskooperation
    3. Stand der Dinge in Tula: Umrichterhaus und Holzmasten
    4. Nebenbei notiert: Wie haben wir in Tula gewohnt? Was war Speise und Trank?
    5. Lagerungsmöglichkeit für die Übersee-Transportkisten bzw. das Problem des Nachladens des Akku-Blockes
  7. Eine Nebenexkursion: Inspektion der Wind-Solaranlage in Debo
  8. Interessantes am Rande
    1. Deutsche Markenwerkzeuge
    2. Handeln schwer möglich - Läden mit Festpreisen
    3. Addis Abeba im Wandel - Hochhäuser, Trassen und Hochstraßen
    4. Eine wahrlich betagte Autoflotte
    5. Eine Eisenbahn ersteht neu
    6. Entwicklungshilfe mit Fragezeichen
    7. Kaputt ist eben kaputt
    8. Neue Schulen und fehlende Lehrer
  9. Perspektive

1. Ziel der Reise

  • Fertigstellung der Mastkonstruktion für die Windkraftanlage im Workshop der äthiopischen Kirche Mekane Yesus in Addis Abeba
  • Erledigung von Einkäufen in Addis Abeba (Hilfsmittel, Notstromaggregat, Werkzeuge ...)
  • Komplettmontage einer Windenergie- und Solaranlage incl. Teilverkabelung im äthiopischen Dorf Tula

2. Projektvorlauf 2013

Im Jan./ Febr. 2013 konnten in Tula wichtige Vorbereitungsarbeiten für die spätere Installation realisiert werden (Gründungsarbeiten; Teilaufbau der Mastkonstruktion; vgl. Ergebnisbericht 2013). Dabei wurde zusammen mit der evangelischen äthiopischen Kirche Mekane Yesus sowie den Dorfältesten von Tula vereinbart, drei Dorfbewohner in eine Kurzausbildung in Elektrotechnik zu entsenden und ein kleines Gebäude für die Umrichterstation nach Plan zu errichten. Seit Frühsommer 2013 wurden in Rüsseina alle Komponenten für die Projektumsetzung beschafft, konfektioniert und für die Verschiffung verpackt. Da sich die Beschaffung der Kabel in Äthiopien als außerordentlich schwierig und teuer gestaltete, wurden die Kabel in Deutschland gekauft, so auch die anderen Komponenten wie Solarplatten, Laderegler, Wechselrichter, Elektroschaltkasten, Windradkomponenten, Akkublock und Werkzeuge - alles zusammen sechs große Holzkisten mit einem Gewicht von 3,5 Tonnen und einem Wert von ca. 27.000 Euro. Finanziert wurden diese Ausgaben durch großzügige Spenden vieler Privatpersonen und einzelner Firmen. Die GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) der Bundesrepublik Deutschland hatte uns auf Antrag hin die Kostenübernahme für den Seetransport bis Djibouti zugesagt.

Eine Schwierigkeit bahnte sich bereits im Herbst 2013 an: Unserer äthiopischen Partnerorganisation, der Kirche Mekane Yesus, kam die Aufgabe zu, den Transport zollfrei zu bekommen und die Einfuhr einschliesslich des Landtransportes ab Djibouti zu organisieren. Da dies in Äthiopien mit unglaublich vielen bürokratischen Hürden verbunden ist, deuteten sich seitens des äthiopischen Partners bereits im Herbst 2013 Probleme hinsichtlich der reibungslosen Realisierung der Einfuhr an. In guter Hoffnung wurde am 11. 11. 2013 die gesamte Ladung in Rüsseina abgeholt, um dann in Hamburg verschifft zu werden.

Danke dem Agrarbetrieb "Starbach-Sachsen" in Rüsseina, in dessen Hallen die Kisten zwischengelagert werden konnten!

Wiederentdeckte Papiere und Bürokratendschungel

Nun waren wir tatsächlich in Äthiopien angereist. Hektik in den Leitungsetagen der Entwicklungsabteilung der Kirche Mekane Yesus. Dank der sehr professionellen, freundlichen und beharrlichen Intervention vonThomas Haase, einem deutschen Mitarbeiter der Kirche, nahm die Frage der Zollabwicklung sehr konkrete Züge an. Auf einmal waren auch die Originaltransportunterlagen der Verschiffung wieder da, die vermeintlich nicht angekommen waren. Da die Kirche durch den Jahreswechsel auf eine erneuerte staatliche Einfuhrlizenz wartete, verzögerte sich wiederum das Vorhaben. Dabei immer unsere bange Frage: Kommen die Kisten oder kommen sie nicht? Was tun?

Um es gleich vorwegzunehmen: Endgültiges Grünes Licht gab es am 22. 2. 2014, eine Woche, nachdem wir wieder wohlbehalten in Deutschland angekommen waren. Erst Mitte März kam der Transport in Gang. Während unseres Äthiopienaufenthaltes blieb diese Frage lange offen, weil niemand den Zeitpunkt einer Einfuhrgenehmigung abschätzen konnte. Nachdem ich im zuständigen staatlichen Amt für die Zollabwicklung der NGOs (Nichtregierungsorganisationen) in Addis Abeba mit eigenen Augen den Aktenberg sah und die Unzahl an Stempeln und Genehmigungsschreiben nur zu unserem Vorgang, begriff ich, dass es fast einem Wunder gleichkam, überhaupt im Februar grünes Licht für die zollfreie Einfuhr zu bekommen.

Fazit: Die Schwierigkeit liegt nicht darin, in Äthiopien ein Wind-Solar-System zu errichten. Die Schwierigkeit liegt darin, Äthiopien das System zu schenken.

4. Fertigstellung der Mastkonstruktion und Einkäufe

Allen Widrigkeiten zum Trotz erledigten wir, was zu erledigen war. Planmäßig konnten wir in der ersten Woche zusammen mit dem Werkstattmeister Tamrat im "Kirchen-Workshop" die Mastkonstruktion fertigstellen. Die 2013 auf dem Schrott beschafften drei Wasserrohre sowie einige Zubehörteile waren alle noch vorhanden. So konnten wir - nach Instandsetzung eines sehr guten Schutzgasschweißgerätes durch Daniel und Holger - in zwei Tagen den Mast fertigstellen - trotz Stromausfall. Im Hof der Familie unseres äthiopischen Freundes Wolde Giorgis Demissie konnten wir allen Metallteilen einen schönen blauen Anstrich verleihen.

Dank der Hilfe der deutschen Kirche und Schule in Addis (German school) konnten fast alle noch ausstehenden Besorgungen erledigt werden. Wichtig dabei war die Beschaffung eines Dieselnotstromaggregates, vieler Kleinwerkzeuge sowie von Holzschutzmitteln zur Behandlung der Holzstrommasten im Erdbereich.

5. Eine kleine Dienstleistung für die Kirche Mekane Yesus

Auf der Zentrale der Kirche Mekane Yesus (immerhin 6 Mio. äthiopische Mitglieder!) in Addis Abeba prangt ein Kreuz, das auf Wunsch der Kirche nachts beleuchtet sein soll, auch bei Stromausfall. Dazu konnten wir als neutrale Personen ohne "Gewinnverdacht" - incl. einer direkten Besichtigung auf dem Hochhausdach - ein kleines Konzept erarbeiten und den verantwortlichen Mitarbeitern vorstellen. Im Gespräch mit dem Präsidenten der Kirche wurde es uns ermöglicht, auch unser eigenes Projektanliegen zu schildern.

6. Wichtige Vorbereitungen und Klärungen für einen sicheren Start des Projektes in Tula

Da wir Ende Januar 2014 davon ausgehen mussten, dass die Transportkisten nicht mehr rechtzeitig ankommen, entschlossen wir uns, in der Bezirksstadt Hosanna und im Dorf Tula sämtliche Basisvorbereitungen zu prüfen und voranzutreiben.

Folgende Dinge waren zu erledigen bzw. folgende Fragen waren zu klären:

  1. Transport aller in Addis privat gelagerten Materialien nach Tula
  2. Auf welchem Stand ist die Ausbildung der vorgesehenen drei Techniker? Welche Weiterbildungsmöglichkeiten könnten sich anbieten?
  3. Ist es möglich, eine Kooperation zwischen der Polytechnischen Fachschule Hosanna und dem Projekt Tula zu initiieren?
  4. Wie ist der Stand in Tula? Ist das Umrichtergebäude korrekt gebaut? Sind die Eukalyptusstämme für die Strommasten geschlagen?
  5. Wo können die Transportkisten sicher gelagert werden?
  6. Wer trägt Sorge für die Nachladung des Akkublockes?

Zu 1.: Materialtransport nach Tula

Vor der Fahrt in den Süden nach Tula entschlossen wir uns, sämtliche bis dahin bei der Familie unseres Freundes Wolde Giorgis Demissie privat gelagerten Materialien und Komponenten nach Tula mitzunehmen. Damit wäre die Voraussetzung gegeben, 2015 sofort mit den Projektarbeiten starten zu können. Ein klappriger Pickup brachte dann Mastrohre, Elektroinstallationsmaterial (bereits von 2013), Notstromaggregat, Imprägnierlösung, komplette Werkzeuge und vieles mehr nach Tula. Der letzte halbe Kilometer wurde für das Gefährt (und dessen stadtverwöhnte Fahrer) zur schweren Herausforderung. Ich höre noch jetzt das Fluchen der Fahrer, als wir das Fahrzeug schiebenderweise gen Tula voranbringen mussten ...

Zu 2. und 3.: Ausbildung der drei Techniker; Bildungskooperation

In der Bezirksstadt Hosanna gibt es eine durch Deutschland geförderte Fachschule, die Schülern für verschiedene Handwerke eine Ausbildung gewährleistet. Die drei vorgesehenen Techniker (zwei junge Männer, eine junge Frau) wurden bei unserem Besuch gerade unterrichtet in Windenergietechnik. Das relativ moderne Lehrmaterial wurde per Laptop präsentiert. Vorgesehen ist lediglich eine Kurzausbildung in Energietechnik über einen Zeitraum von ca. sechs Wochen. Das ist für die Ansprüche der Wartung unserer Wind-Solaranlage deutlich zu wenig. Im Gespräch mit dem Direktor vereinbarten wir eine Nachausbildung im Herbst 2014.

Zudem konnten wir in Absprache mit dem Direktor der Schule und dem zuständigen Lehrausbilder vereinbaren, dass beim Aufbau und während des Betriebes der Anlage der Lehrausbilder im Projekt einbezogen bleibt. Die Schule zeigt großes Interesse an solch einer Kooperation, weil das Projekt selbst ein unschätzbares Praxisbeispiel für Energieerzeugung, Energieumwandlung und Energieverteilung darstellt. Für das Projekt wiederum sollte diese Kooperation den nachhaltigen Betrieb der Anlage fördern helfen.

Zu 4. Stand der Dinge in Tula: Umrichterhaus und Holzmasten

In Tula mit Jeep und Klapper-Pickup angekommen, stellte sich schnell ein neues Problem heraus: Das Umrichterhaus. Es sei fertig, so die Nachricht im Vorfeld. Was sich uns bot, war etwas sehr anderes. Da stand ein halbfertiger Rohbau, an dem wir auf dem ersten Blick erkennen konnten, dass unsere Zeichnung von 2013 offenbar nicht Pate gestanden hatte. Spitzdach statt Flachdach, deutlich zu breit, deutlich zu kurz, deutlich zu hoch. Selbst bei Vorhandensein der großen Transportkisten hätten wir die Anlage nicht errichten können. Wie hätten wir Akkublock, die gesamte Umformtechnik und Elektronik unterbringen sollen? So war es gut, hier an Ort und Stelle die Dinge so zu richten, dass das Vorhaben wenigstens später wirklich sicher klappt.

Dank der Mitreise des Kirchenmitarbeiters Ato Ababa konnte dieses Problem nach einigen freundlichen Überlegungen behoben werden. Was war der Grund für den Fehlbau? Die Leute sagten: "Wir haben die Zeichnung nicht verstanden". Schnell begriffen wir: Abstraktes Denken ist nicht trainiert. Die Zeichnung war sehr simpel und zeigte das Gebäude von oben und von der Seite (mit amharischen und englischen Wortübersetzungen). Was wir nicht ahnten: Die Dorfzimmerleute konnten Rundhütten sehr gut bauen nach traditioneller Art. Aber sie hatten es nicht gelernt, eine Draufsicht von einer Seitenansicht zu unterscheiden bzw. überhaupt eine Zeichnung zu lesen. Was tun? Ganz abreißen? Können wir nicht machen. Das demoralisiert. Teilrückbau? Umbau? Das ging. Das Spitzdach zum Flachdach machen und dem Gebäude 1,5 m an Länge zugeben. So kauften wir in Hosanna ausreichend neues Wellblech und fertigten schnell eine neue aktualisierte Zeichnung an. Nun erwies es sich auch als Glück, dass noch keine Lehmwände ausgeführt waren.

Dank der Übersetzungskunst von Ato Ababa hatten die Zimmerleute nach langer Erklärung begriffen. Die Arbeiter rückten an. Eukalyptusstämme wurden für die Seitenwände gespalten und die Dachkonstruktion heruntergenommen. Nach zwei Tagen fleißiger Arbeit stand der Rohbau, wie wir ihn uns vorstellten. So ist die Umrichterstation jetzt eben größer als benötigt. Auch gut. Das ergibt ggf. eine zusätzliche Lagermöglichkeit. In der Regenzeit werden die Wände dann (hoffentlich) mit Mud (Strohlehm) ausgebildet. Zwei abschließbare Türen sollen für die nötige Sicherheit sorgen. Mit Bier und Limo wurde Richtfest gefeiert. So blieb nicht die Misere, sondern die gemeinsame Freude im Dorf bestimmend.

Mit viel Überzeugungskunst konnte Ato Ababa der Dorfbevölkerung verständlich machen, warum die Strominstallation in diesem Jahr noch nicht erfolgen kann. Enttäuschung war sichtbar, aber erstaunlicherweise auch viel Verständnis für eine Situation, die niemand ändern konnte.

Ermutigend auch die Tatsache, dass die Strommasten aus Eukalyptusstämmen geschlagen waren. Man hatte dies auf die Familien verteilt. Trotz mancher Rückschläge erscheint uns die Bevölkerung von Tula agil und fleißig zu sein. In unserem ersten Projektdorf Debo (äthiopisches Hochland) wären die Arbeiten ohne Bezahlung vollkommen undenkbar gewesen.

Nebenbei notiert: Wie haben wir in Tula gewohnt? Was war Speise und Trank?

Nur wenige Meter vom Elektrohaus entfernt liegt das kleine Gehöft mit Wohnhütte und Lager- bzw. Versammlungshaus. Wir waren im wellblechgedeckten Lagerhaus untergebracht, schliefen auf dicken Strohmatten auf dem Boden. Das Flohaufkommen war, im Unterschied zu Debo, nur begrenzt hoch. Zu essen hatten wir aus Deutschland mitgebracht in Form von Wurst- und Fischkonserven, Salamis, Käsepackungen und für´s Wohlbefinden Schokolade. Mit Trinkwasser haben wir uns in Hosanna eingedeckt, in Plastflaschen, sicherheitshalber... Brot und Kaffee stellt uns die Familie zur Verfügung wie auch - hin und wieder - etwas Waschwasser im Plastkanister. "Toilette" ist ein Erdloch hinten im Garten oder eben die freie Natur. Abends werden wir eingeladen in die Wohnhütte. Da gibt es das typisch äthiopische Kollo (geröstete Getreidekörner oder Erbsen), Koltcho (eine verbackene graue Masse aus der Wurzel der falschen Banane) bzw. sehr schmackhaftes Graubrot. Das Dasein in der Wohnhütte hat etwas sehr Stimmungsvolles: Ein Feuerchen in der Mitte (ohne Abzug), das freilich, wenn es raucht, die Augen tränen lässt, eine winzige Öllampe am Mittelstamm, 10 bis 15 Familienmitglieder auf zusammengerollten Strohmatten sitzend (auf denen dann geschlafen wird) sowie am anderen Rand der Rundhütte die gesamte Tierwelt: Pferd, Esel, Maultier, Kühe, Schafe, Ziegen, Hühner ... Am Abend spazieren sie im Gänsemarsch durch die Haustür. Immerhin hat die Hütte einen Gesamtdurchmesser von mehr als 12 Metern. Allerdings ist die Durchlüftung bei nur zwei Türen und einer winzigen Fensteröffnung durchaus begrenzt.

Zu 5. und 6.: Lagerungsmöglichkeit für die Übersee-Transportkisten bzw. das Problem des Nachladens des Akku-Blockes

Da wir sicherstellen wollten, dass die Transportkisten sicher abgeladen und gelagert werden können, nahmen wir die Lagerhalle im Gelände der Mekane Yesus Kirche in Hosanna in den Blick. Diese ist sicher verschlossen und steht auf geschütztem Gelände. Damit war diese wichtige Frage relativ schnell und einfach geklärt.

Da der Akku-Block spätestens im April wieder voll aufgeladen werden muss (Selbstentladung, Sulfatierung), stellten wir der Kirchenverwaltung in Hosanna ein Ladegerät zur Verfügung mit englischsprachiger Anleitung zum Anschluss. Das Ladegerät hatten wir vorsichtshalber bereits aus Deutschland mitgebracht. Evtl. nehmen wir im April 2014 die Kisten, wenn sie denn da sind, noch einmal persönlich in Augenschein.

7. Eine Nebenexkursion: Inspektion der Wind-Solaranlage in Debo

Da für mehrere Tage keine Aussicht darauf bestand, dass die Transportkisten Djibouti verlassen konnten, entschlossen wir uns, das Projektdorf Debo zu besuchen (zum Projekt Debo vgl. die Berichte unter www.creaprotect.de). Dies war besonders für die "Erstfahrer" unserer Gruppe von großer Wichtigkeit, um das Gesamtsystem aus eigener Anschauung zu inspizieren. Da das Projekt Debo auf Betreiben des Berliner Vereines "Selbsthilfe Äthiopien e. V." seit 2013 offiziell in dessen Obhut übergegangen ist, hatte unser Besuch nur die Funktion einer Inspektion. Zudem hielten wir es für gut, den Wechsel der Verantwortung vor Ort persönlich zu kommunizieren. Die Inspektion war für uns sehr aufschlussreich, auch für die Realisierung des Projektes in Tula. Das Inspektionsergebnis kann hier nur angedeutet werden.

Die Anlage in Debo gibt weiterhin Strom. Das ist grundsätzlich erst einmal eine gute Nachricht. Immerhin funktioniert sie bis auf nur wenige Unterbrechungen seit 2008. Dennoch liegen sehr problematische Fakten an, die der Berliner Verein dringend durch eine intensive Betreuung regeln sollte.

  1. Die zwei Wartungstechniker arbeiten praktisch nicht mehr im Sinne der Wartung der Anlage. Vermutlich ist dies der Grund, warum die Windenergieanlage zwar wunderbar läuft, aber keinen Strom einspeist. Die Energie liefert im Moment ausschließlich die Solaranlage.
  2. Der Workshop, der mit wichtigen Kleingeräten ausgestattet worden war, ist in einen neuen Raum umgezogen. Leider liegen die Geräte ungenutzt da. Hier wird dringend eine Neuregelung erforderlich sein (Nutzung für Schule oder durch pfiffige Leute, die etwas daraus machen wollen).
  3. Durch die Einführung staatlichen Stromes wird in der Krankenstation und in der Kirche ein Doppelnetz erhalten. Dabei wird der staatliche Strom in abenteuerlicher Weise in die Gebäude verteilt.
  4. Durch das Fehlen von aktiven Wartungstechnikern kommt es nicht zum denkbaren Anschluss weiterer Gebäude, obwohl genügend alternativer Strom anliegt.

Fazit

Für die Unterhaltung solch einer komplexen Anlage bedarf es einer geschlossenen und kontinuierlichen Verantwortungsstruktur vor Ort. Zudem ist durch das Vorhandensein staatlichen Stromes die Aufrechterhaltung der Wartungsmotivation keine einfache Aufgabe. Hier wünschen wir dem Berliner Verein bei der Betreuung dieses Projektes gutes Gelingen. Wolde Giorgis Demissie war im März 2014 persönlich in Debo, um dort die Probleme selber in Augenschein zu nehmen und Lösungsansätze zu organisieren.

8. Interessantes am Rande

8. 1. Deutsche Markenwerkzeuge

Im Unterschied zu vorangegangenen Jahren bieten die Werkzeugläden auf dem Piazza in Addis jetztzunehmend deutsche Markenartikel anstelle billiger asiatischer Produkte an (z. B. Bosch blau, Makita), und dies zu Preisen, die die in Deutschland weit übertreffen. Offenbar leistet man sich dies zugunsten einer längeren Haltbarkeit. Ansonsten beherrschen chinesische Produkte weiterhin den Markt.

8. 2. Handeln schwer möglich - Läden mit Festpreisen

In den meisten Läden werden auf Nachfrage "Ferenchi-Preise" (Preise für Weiße) gemacht, d. h. u. U. wird der doppelte Preis verlangt. Handeln ist dann üblich, macht aber das Einkaufen zu einer langen Prozedur.

Allerdings: gibt es in Werkzeugläden oft Festpreise, was wir früher so häufig nicht erlebt haben. Ein Verhandlungsspielraum ist zwar immer da, aber er ist z. T. sehr eng.

8. 3. Addis Abeba im Wandel - Hochhäuser, Trassen und Hochstraßen

Wer einige Jahre nicht in Addis war, erkennt die Stadt jetzt kaum wieder. Modern gestaltete Hochhäuser sind allerorten im Bau. Große Hochstraßen queren Plätze und Hauptstraßen. Eine Straßenbahn soll in wenigen Jahren hier fahren, alles gebaut und geliefert durch chinesische Firmen. Durch Kreisverkehre und großzügige Straßen erscheint der vormals wüste Verkehr deutlich beruhigt. Freilich kommt es zu grotesken Bausituationen: Durch den Bau einer Straßenbahntrasse, die beidseitig mit Betonmauern abgegrenzt ist, ist es z. T. über ein bis zwei km weder für Autos noch für Fußgänger möglich, die Straße zu überqueren. Für einmündende Nebenstraßen ist dann eben nur rechts abbiegen möglich. Man sagt: im Angebot der Chinesen wäre nur die Straßentrasse enthalten gewesen, nicht aber Kreuzungen ... Nur sehr beweglichen Leuten wird es durch Überklettern der Mauern in Zukunft möglich sein, mal ein Geschäft oder einen Freund auf der anderen Straßenseite zu besuchen.

8. 4. Eine wahrlich betagte Autoflotte

30% aller Fahrzeuge in Äthiopien sind älter als 30 Jahre. 99% würden den deutschen TÜV nicht überstehen. Fahrzeuge einzuführen, kostet enorme Summen, da der Zoll vollkommen überproportional zuschlägt. Die uralten LADAs oder Toyotas werden ständig wiederbelebt, Räder eiern, sie schleifen im Radkasten, der Fahrer hat auf Grund des gewaltigen Lenkspieles am Steuer Schwerarbeit zu verrichten, die Reifen sind blankgefahren, die Karosse ist mehrfach durchgerostet, Tacho und andere Innereien funktionieren schon lange nicht mehr, Kabel hängen lose, Scheinwerfer glimmen nur vor sich hin ... Die Mängelliste ist unendlich. Zeugen schwerster Unfälle auf offener Straße begegnen uns jedes Jahr mehrfach. In dieser Hinsicht kann man im Falle des Mietens eines Jeeps dankbar sein, wenn Fahrzeug und Fahrer in wenigstens halbwegs gutem Zustand sind.

8. 5. Eine Eisenbahn ersteht neu

Da gab es doch einmal eine Eisenbahn - von Djibouti nach Addis Abeba. Mit französischem Kapital war sie auf einer Länge von 785 km 1917 fertiggestellt worden (39 Tunnel und 34 Stationen). Seit Jahren ist die Strecke stillgelegt, obwohl ein Großteil des äthiopischen Importes über den Hafen von Djibouti läuft und ein effektives Transportmittel dringend notwendig wäre. Kurz vor der Stadt Awash liegt die alte Strecke nun im Wasser, da der dortige Wasserspiegel stetig ansteigt. Nun ist die Eisenbahn neu im Bau - durch chinesische Firmen.

8. 6. Entwicklungshilfe mit Fragezeichen

Auf dem Gelände der Mekane Yesus-Werkstatt stehen unzählige alte Fahrzeuge, Jeeps, LKWs, PKWs (auf dem Gelände des Äthiopischen Roten Kreuzes war es ähnlich). Niemand nutzt diese Fahrzeuge, die doch wenigstens zum Teil ohne Weiteres repariert oder verkauft werden könnten. Antwortversuche: Mit fast jedem größeren neuen Projekt werden neue Fahrzeuge über die Entwicklungshilfe eingeführt. Die alten zu reparieren, erscheint dann wenig attraktiv. Dafür ist auch die Infrastruktur der Hilfsempfänger in Äthiopien nur wenig ausgelegt. Problematisch dabei: Die Fahrzeuge wurden projektgebunden zollfrei eingeführt und dürfen deshalb nicht verkauft oder für andere Zwecke verwendet werden. Wir hörten, dass nach ca. 10 Jahren der Staat dann Zugriff auf die Fahrzeuge hat. Nur - dann hat der Zahn der Zeit daran genagt. Trotz dieser Erklärungen erscheint uns dieses System nicht wirklich im Sinne einer tragenden Entwicklungshilfe zu sein. Durch den ständigen Neuzufluss durch die Entwicklungshilfe leidet das Verständnis für eine langfristige Wartung der Güter.

8. 7. Kaputt ist eben kaputt

Die Werkstatt der Kirche Mekane Yesus wurde einmal (wann?) großzügig und gut überlegt gebaut. Doch die Laderampe ist vermüllt, die sanitären Anlagen sin dpraktisch fast ganz außer Betrieb und das moderne Schutzgasschweißgerät ist schon drei Jahre nicht mehr funktionstüchtig. Der Rückgriff auf ein altes schlecht funktionierendes Gerät schien dann die Lösung des Problems zu sein. Zwei unserer Leute, Holger Schneidereit und Daniel Gaffron, brachten das moderne Gerät in ca. 20 Minuten wieder zum Laufen. Es war nicht einmal kaputt gewesen, sondern nur auf Grund falscher Einstellung nicht funktionstüchtig. Der Werkstattmeister Tamrat freute sich wie ein Schneekönig. Aber es war ihm nicht "gegeben" gewesen, es in den drei Jahren reparieren zu lassen. Warum dies?

Ein persönlicher Antwortversuch: Die Äthiopier (wie auch andere Afrikaner) lebten Jahrtausende bis heute mit Naturmaterialien. Zudem beschränkte sich das Leben auf sehr wenige "Komponenten" (Rundhütte, Lagerhütte, Vieh, Grabstöcke bzw. Hakenpflug, Beil und naturgewachsene Handgeräte, Tongefäße). Diese Dinge waren so elementar, dass sie bei Defekt mit wenig Aufwand ersetzt werden konnten. Die Materialien selber aber waren unwiederbringlich vergänglich. Sie wurden nicht repariert. Kaputt ist eben kaputt. Und der Ersatz ist schnell beschafft. Alle zusätzlichen (modernen) Lebenskomponenten werden offenbar ähnlich behandelt. Nur lassen sie sich eben nicht einfach ersetzen wie eine naturgewachsene Heugabel. Dann bleibt es liegen. Kaputt ist eben kaputt.

8. 8. Neue Schulen und fehlende Lehrer

Das Hauptproblem der sich entwickelnden äthiopischen Gesellschaft ist das Bildungsproblem. Entwicklungs-Fachleute klagen ihr Leid: Es werden neue Schulen errichtet und viele neue Universitäten. Das ist grundsätzlich eine gute Nachricht. Aber es gibt viel zu wenig qualifizierte Ausbilder und Dozenten. Ist ein Schüler besonders gut, wird er kurz weitergebildet und wird wieder zum Ausbilder für Schüler. Sein Wissensvorsprung ist begrenzt. Wie in einem Teufelskreis bleibt damit das Niveau auf unterster Schwelle. Wir konnten dies bei der Besichtigung schon mehrerer Ausbildungsstätten deutlich sehen. Die Metalllehrwerkstätten z. B. sind ausgerüstet mit guten Maschinen. Aber auf den ersten Blick schon wird deutlich, dass sie lange nicht genutzt worden sind. Ähnlich in Elektrik-Lehreinrichtungen: Stolz zeigt man uns, wie die einzelnen Tische mit Strom versorgt werden können. Doch die elektrischen Leitungen im Raum sind abenteuerlich verlegt, die Hauptsicherung ist mit einem Nagel gebrückt und die Ausstattung spärlich. Es gibt kaum eine wirklich praxisbezogene Ausbildung. Die große (produzierende) Einrichtung "Selam" in Addis Abeba macht dabei eine rühmliche Ausnahme (früher in schweizer, jetzt in äthiopischer Hand).

9. Perspektive

In der Hoffnung, dass unsere Materialkisten ohne Schaden in Hosanna ankommen, werden wir im Januar 2015 mit einer Gruppe von ca. 6...7 Leuten in Tuladie gesamte Wind-Solaranlage errichten und ein Teil des Dorfes verkabeln. Zusammen mit den ausgebildeten Technikern und dem Lehrmeister aus Hosanna werden mehrere Häuser fachgerecht angeschlossen. Die Techniker sollen dabei in sämtliche Arbeiten so eingewiesen werden, dass sie den Ausbau der Anlage in Eigenregie übernehmen können. In den Folgejahren planen wir vorerst kein weiteres Projekt, sondern wollen uns auf die Erhaltung und Stabilisierung des Projektes im Dorf Tula konzentrieren.

Dieses Tula-Projekt steht in hohem öffentlichen Interesse und dürfte für die Großregion ein Vorzeigeprojekt werden. Aber dies müssen wir erst einmal in die Tat umsetzen.

Allen, die mit ihrer Arbeitskraft, mit ihrem Einsatz oder mit Geldspenden dieses Projekt vorangebracht haben, sei ganz herzlich gedankt!

März 2014 gez. Dr. J. Hahn, Rüsseina